Band 
Erster Band.
Seite
164
JPEG-Download
 

104

Zweites Buch. II. Das Reich und seine Kaiser.

Widmungsbild in dem Evangeliarium Kaiser Ottos III. München, kgl. Hos- und Staats-Bibliothek.

Der Kaiser thront in einer Halle zwischen je zwei Vertretern des weltlichen und des geistlichen Standes; tribntbringend nahen sichihm vier Frauengestalten: die Roma, (hallia, Germania und Sclavonia, als Personifikationen ihrer Lander und Völker.

n>.-

W

'HM

WM M8L

MLWj

M II E».

M

->LL'!ch

Vassallenverhältnis zu Deutschland aufgelöst, indem er Polen den Tribut nnd Ungarn eineKönigskrone schenkte und die Kirchenfürsten beider Länder von ihren deutschen Oberen ablöste.Die Folge davon war, daß beide Länder sich in allen Beziehungen selbständig machten, ihreErfolge aber zu nichts eifriger verwandten, als zu Anfeindungen Deutschlands und Angriffenauf dasselbe, obschon sie ihm und seinen Kolonisten ihre ganze Kultur verdankten.

Mit dem frühen Tode dieses unglücklichen, aber auch unklugen, vom undankbarenWelschlande verlassenen und verratenen Kaisers, dessen Leiche von den treuen deutschen Kriegernkämpfend durch Italien nach der verachteten Heimat überbrückst werden mußte, waren alleGefahren, welche dem Deutschen Reiche durch die Versuche seiner Znrückführnng zu einemrömischen Weltreiche drohten, auf erschreckende Weise nahe gerückt. Was die Kaiser thaten,das ahmten die kleineren Herren im Reiche nach. „Trachteten jene", sagt Giesebrecht, „nachder Erblichkeit der Krone, so strebten sie nach der Erblichkeit ihrer Lehen; gingen jene aufEroberungen für das Reich aus, so faßten sie die politische Abschließnng ihres Gebietes

scharf ins Auge. Daß sie Beamte des Reiches waren, fingen diese Herzoge, Mark-

grasen und Grafen schon an zu vergessen; nicht der König mache sie, meinten sie, sondernsie den König. Treu dem Kaiser als ihrem Lehnsherrn, solange ihr Interesse mit dem

feinen gleichen Schritt ging, traten sie, ein kraftvolles und stolzes Geschlecht, bei der leisestenVerletzung ihrer vermeintlichen Rechte dem Gesalbten des Herrn keck gegenüber."

Das Nämliche galt auch von den geistlichen Herren; sie strebten ebenso sehr nach welt-lichem Besitz, wie die anderen, nnd hatten vor diesen noch den Vorteil voraus, im Namen einesHeiligen, ihres Schutzpatrons, zu empfangen, zu besitzen und zu herrschen nnd sich auf ihreigenes, mit dem Kaiser an Erhabenheit wetteiferndes Oberhaupt, den Papst, berufen zu können. —

Die Reichsregierung war indes unter den sächsischen Königen eine viel Persönlichereund also auch ungezwungenere, als unter den Karolingern. Dies folgte mit Notwendigkeit schonaus den viel länger im alten Germanentum verbliebenen Lebensverhältnissen der Sachsen,denen noch die alten Stände, nicht aber die neue feudale Rangordnung geläufig waren. Esgab keine regelmäßigen Reichstage und Kirchenversammlnngen mehr; es traten solche vielmehrnur dann zusammen, wenn der König, der in beiden Versammlungen eine entscheidende Stimmehatte, sie zu wichtigen Beratungen zusammenrief. Ihr Sitz war bald da, bald dort undviel unsteter als unter den Karolingern, ja unter den Ottonen in späterer Zeit fast ebenso oft