Beilage zu Seile 16s:
Erläuterung des Miniatures aus dem Evungeliarinnr aus Kloster Echternach;
10. Ial;rl;undert.
Gotha, Herzogliches Museum.
sZu vergleichen die Erläuterung zu der Abbildung des Einbanddeckels dieser Handschrift, bei Seite 152;
auch Seite 1.82 und 21.5.)
Das Miniature stellt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg dar: Evangelium Matthaei, Capitel 20,Vers 1—15. Die Lomposition ist in drei Streifen gegliedert, von denen der obere und untere in je zwei Hälften mit selb-ständigen Gruppen geteilt sind.
In der ersten Szene steht der Hausvater spater kainilias) am Morgen vor seinem Hause einer Gruppe von vier Arbeitern(mereenarn) gegenüber, die er für seinen Weinberg um einen Denar Tagelohn gemietet hat. Zwei der Arbeiter wenden sichbereits zum Gehen, während einer noch Anweisungen erhält. Das Tostume aller Figuren ist das im zehnten Jahrhundert indeutschen Gauen übliche und trägt den römischen Ursprung deutlich zur Schau. Der Weinbergsbesitzer ist mit einem Mantelbekleidet, der mit goldenen Borden besetzt ist und auf der rechten Schulter durch eine Fibula zusammengehalten wird; darunterträgt er einen ebenso geschmückten Rock, Hosen und ftrefelähnliche Fußbekleidung. Der Stab in seiner Hand ist das Zeichenseiner Autorität: die ganze Figur ist der T^pus des vornehmen deutschen Mannes im 10.—12. Jahrhundert.
In der zweiten Gruppe faßt der Künstler in einer Darstellung die wiederholten Ausgangs des Hausvaters zusammen,um die dritte, um die sechste und um die neunte Stunde, auf denen er stets müßige Arbeiter (opsrarii) findet, sie mietet undsie alle in seinen Weinberg sendet.
Darauf schildert das Mittelbild die Arbeit im Weinberge svinea), das Hacken des Bodens, das Beschneiden der Reben.Es ist ein heißer Tag; rechts bückt sich ein Arbeiter zu einer in Stein gefaßten Vuelle, um sich zu erfrischen. Die Werkzeugebestehen nur in Hacke und Hippe. Die Arbeiter sind in schlichte Röcke, Hosen und Halbstiefel, die vorn 8. bis ins 13. Iahr-hundert in Deutschland gebräuchliche Tracht der gewöhnlichen Leute, gekleidet.
Die Darstellung der vierten Gruppe zeigt wieder den Hausvater; er ist noch einmal spät um die elfte Stunde aus-gegangen, hat auch jetzt noch unbeschäftigte Arbeiter getroffen und schickt auch sie den übrigen nach in seinen Weinberg: wasrecht sein wird, soll ihnen zum Lohne werden. Zur Andeutung der späten Stunde läßt der Künstler die Arbeiter zu dem abend-lichen Himmel empor sehen.
In der letzten Gruppe tritt eine neue Figur auf, der Schaffner des Weinbergsbesitzers. Der Tag ist vorüber, die Arbeitersind von dem Schaffner gerufen worden und finden sich vor dem Hause des Herrn ein, um ihren Lohn in Empfang zu nehmen.Ieder erhält aus der Hand des Schaffners einen Denar: sowohl die, welche den ganzen Tag gearbeitet haben, als auch die,welche erst spät um die elfte Stunde gedingt worden waren. Darüber zeigen sich die ersteren unzufrieden, von den fünf ver-schiedenen Arbeitergruppen sind im Miniature vier durch je einen Vertreter dargestellt. I" demjenigen, welcher eben seinenDenar empfangen hat, ist der Mann zu erkennen, welcher in der letzten Gruppe mit erhobener Hacke dasteht. Der bartloseArbeiter der ersten Gruppe ist der, welcher in der letzten Gruppe vornan steht und lebhaft wider den Schaffner murrt, daßsie, die des Tages Last und Hitze getragen haben, nicht mehr erhalten, als die letzten, welche nur eine Stunde gearbeitet haben(Vers 12—15). Der Rock des Schaffners ist mit Borden besetzt, wodurch sein höherer Stand bezeichnet wird, doch trägt er imUnterschied zu seinem Herrn weder Mantel noch Stab. Die Denare hält er unter dem rechten Arm so viel als möglich gedecktvor den fordernden Arbeitern.
(Nach K. Lamprecht.)