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Erster Band.
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Zweites Buch. V. Wirtschaftsleben, Stände und Sitten.

an den heiligen Orten und vor den Burgen sich lagerten, sich blind, lahm, stumm oder besessenstellten, vor den Altären oder Gräbern der Heiligen im Angesichte des Volkes sich wälzten, sichmit Fäusten schlugen und sich für geheilt erklärten, um nur ein armselig Almosen zu erhalten.Häufige Brände und Seuchen, Folgen mangelhafter Sichcrheits- und Gesundheitspflege, ver-mehrten diese unglückliche Volksklasse. Die Kirche that sehr viel für diese Leute, speiste siebei Klöstern und Stiften, gab ihnen Almosen und Kleider; auch die Besitzer der Burgenübten solche Wohlthätigkeit, ohne jedoch damit das Übel im ganzen beseitigen zu können.

Die gegenseitige Stellung der Stünde zu einander war folgende: Niemand brauchte einenMann niedrigern Standes als Richter, Zeugen odcrEideshelfcr anzuerkennen. Schelten (S. 182)konnte man nur das Urteil eines Gleich- oder Höherstehenden. Die Herausforderung einesHöhcrn durfte man nicht zurückweisen, ihn aber nicht fordern. Vormund konnte man nurfür einen Gleichen oder Niedrigern sein. Ehen zwischen ungleichen Stünden waren Miß-heiraten, und in solchen behielten beide Gatten ihren Stand (ausgenommen an einigenOrten, wo der Freie durch die Ehe mit einer Unfreien in ihren Stand herabsank). DieKinder folgten dem Teile, der niedriger stand, „der ärgern Hand". Außerhalb der Ständestanden die Rechtlosen; zu ihnen gehörten die Unehelichen und die Verbrecher; sie konntenweder Erben, noch Vormünder, noch Richter, Zeugen oder Eideshelfcr werden, und der Zwei-kampf im Gottesgericht war ihnen verboten. Ebenso waren Fremde, die sich im Reiche auf-hielten, ohne den Schutz eines Landesherrn erworben zu haben, rechtlos, und konnten nachJahr und Tag vom Büttel als Eigenlcnte des Königs „eingefangen" werden.

Je nach den Ständen war auch die Lebensweise verschieden. Wohnten die Hörigenund die ärmeren Freien in Hütten von Holz oder Lehm, welcher mehr im Osten als Bau-material diente, so besaßen die niederen Lehnsherren Steinhäuser, die weltlichen und geistlichenFürsten aber Paläste. Bis znm Ende des ersten christlichen Jahrtausends waren nur Burgenund Kirchen aus Stein erbaut. Ebenso verschieden war das Hausgeräte; ein Ofen hat schondes Klimas wegen wohl nie gefehlt; er entwickelte sich als besondere, nur dem Heiznngszweckedienende Vorrichtung aus dem uralten Herde, und scheint bereits im neunten Jahrhundertstellenweise im Gebrauch gewesen zu sein. Schon der alte Klosterplan von St. Gallen (S. 144)giebt in den Ecken verschiedener Wohnränme einen oval gezeichneten Gegenstand an, der imUnterschied zu den viereckig gezeichneten Herden, nur als Ofen verstanden werden kann.

Die Freien trugen allgemein, auch im Frieden, das Schwert. Kostbare goldene undgläserne Trinkgefüße waren in Klöstern und Burgen nicht selten. Abt Salomon von St. Gallen(auch Bischof von Konstanz, S. 146) erzählte den hochfahrenden Kammerboten Erchanger undBerchthold von seinem Backofen, in welchem auf einmal >660 Laib Brod gebacken werdenkönnten, von seinem gewaltigen Erzkcssel und seiner Haserdörre, welche 166 Malter faßte undvon seinen stattlichen Hirtenkncchten, vor welchen sie den Hut ziehen und sich verneigen würden,was sie (wenn die Anekdote wahr ist) später bei einem Besuche in St. Gallen achtlos wirklichthaten. Darüber ärgerten sich die Kammcrbvten so sehr, daß sie zwei kostbare Glaspvkale, dieihnen der Bischof schenkte, aus Bosheit zur Erde fallen ließen. Prächtige goldene Ketten, Ringeund dergleichen wurden von Männern und Frauen der höheren Stünde allgemein getragen;letztere schmückten sich auch mit goldenen Kämmen, Stirn- und Armbändern. Fürsten, Grafen,Bischöfe und Klöster hielten zahlreiche Diener. Vom Einzüge eines vornehmen Herrn wirdberichtet: „Ein ganzes Heer von Dienern zog ihm vorauf, es ertönte ein tausendfaches Wiehernedler Rosse; eine bunte Fülle von Pclzkleidern und anderen Anzügen kam zum Vorschein;man bemerkte Zelte, Tische, Polster und alle nur denkbaren Bequemlichkeiten."

Man aß und trank reichlich; der kleine Mann freilich genoß meist nur Schweine-fleisch, Brot und Hülsenfrüchte; die Herren aber speisten Wildpret, Fische, feinere Gemüse,Obst und Honig; dein Weine, unverinischtem sowie gewürztem, thaten sie viele Ehre an. Beigrößeren Gastmählern waren Gesänge, Tänze, musikalische und schauspielerische Aufführungenüberall beliebt.

Gastfreundschaft war sehr allgemein; auf ihre Verweigerung ward sogar Strafegesetzt. Gasthäuser waren selten und den Geistlichen verboten.