Band 
Erster Band.
Seite
229
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Litteratur. Wissenschaft. Chronisten.

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der Lehrer des unglücklichen letzten der Ottonen, ein Franzose, aber von höchst bedeuten-dem Einfluß auch auf die deutsche Kultur seines Zeitalters. Uni 950 in der Auvergnegeboren, kam er durch die Gunst des Grafen Borrell von Barcelona in die Schule desBischofs Hatto von Vich in der spanischen Mark. Daselbst wurden diejenigen Wissenschaftengepflegt, welche die benachbarten Araber von den Spätgriechen erhalten und vor dem christ-lichen Abendlande voraus hatten, nämlich Mathematik, Astronomie und die Theorie der Musik.Die Logik aber war dort unbekannt; Gerbert erlernte sie in Italien, durch Vermittelung Ottos,bei Gerannus aus Reims, den er dagegen in der Mathematik unterrichtete. Nach Frank-reich zurückgekehrt, half er dem dentschgesinnten Erzbischof Adalbero von Reims die dortigeSchule zur ersten des Landes erheben. Ihn nach Italien begleitend, machte er dort, in der Um-gebung Kaiser Ottos U., die Bekanntschaft des damals gelehrtesten Deutschen, Otrik, des „CiceroSachsens", der die Schule Magdeburgs zu hohem Ruhme gebracht hatte. Die beiden hervor-ragenden Männer hielten auf Verlangen des Kaisers vor ihm und einer Versammlung Gelehrtereinen physikalisch-philosophischen Wettstreit ab. Gerbert gehörte zu den ersten Abendländern,welche sich tiefer in die klassischen Schriftsteller versenkten: zu den ersten, welche die ursprüng-lich indischen, die sogenannten arabischen Ziffern kannten und anwendeten; zu den ersten, welchein das Wesen der Musik eindrangen. Er verfertigte einen Himmelsglobus und richtete ihn soein, daß er den Anfgang und Untergang der Sterne anschaulich machte; ferner ein Instrumentznr Berechnung der Tages- und Nachtlängen, eine Armillarsphare mit den Bahnen der Pla-neten und eine solche mit Absteckung der Sternbilder; eine Rechentafel (Abakus); eine Sonnenuhrnach Beobachtung des Polarsterns durch ein Sehrohr u. s. w. Ungebildete Kreise hielten ihndaher für einen Zauberer. Auch Gerberts Zeitgenosse Rathernus, Mönch und später Abtvon Lvbbes bei Lüttich, zeitweise Bischof von Verona und von Lüttich, bietet in seinen Streit-schriften viel kulturhistorisches Material.

Anf dem Felde der Dichtung besang ein unbekannter sächsischer Poet um 915 dieThaten Karls des Großen; Walter von Speier um das Jahr 1000 das Leben des heiligenChristophorus und um dieselbe Zeit der Mönch Purchard von Reichenau die Thaten desdortigen baulnstigen Abtes Witigo, — alle in lateinischen Hexametern.

Zahlreicher als die Philosophen und Dichter waren indessen damals, infolge der wichtigenpolitischen Ereignisse, die Geschichtschreiber oder vielmehr Chronisten. Der LangobardeLiudprand, seit 902 Bischof von Cremvna, mehr Polemiker als Historiker (S. 159 f.),Italiener sowohl in seiner boshaften, rachsüchtigen Schreibart, wie in seiner klassischen Bildungund Neigung, aber entschiedenster Anhänger der kaiserlich-deutschen Politik und besondersOttos des Großen, schrieb das „Buch der Vergeltung" (Lmtg-pockosis), eine Geschichte derJahre 888 bis 949, eine Episode aus der Geschichte Kaiser Ottos I. 960 bis 904 (beidemit besonderer Rücksicht auf Italien) und den Bericht über seine Gesandtschaft nach Kvnstan-tinvpel im Jahre 968. Alle diese Arbeiten blieben unvollendet, der Verfasser starb um 972.In schwülstiger, aber fehlerfreier Sprache feierte Rnotger den Erzbischof Bruno von Köln.Der Sachse Widukind, Mönch von Korvei, verherrlichte in patriotischem Eifer die Geschichteseines Volksstammes und der Fürsten desselben von fabelhaften Zeiten an bis znm Tode Ottosdes Großen, dessen Sohn, Wilhelm von Mainz, ihn beschützte und seine Arbeit forderte,welche der Äbtissin Mathilde von Quedlinburg, der noch minderjährigen Tvchter des Kaisers,gewidmet wurde. Was er Vvn seiner Zeit schreibt, ist durchaus zuverlässig. Thietmar,Bischof vvn Mersebnrg, aus altem Grafenhause stammend und selbst mit den Ottonen verwandt<geb. 976, f 1018), stellte weitschweifig und schwerfällig, aber als höchst schätzbare Qnellcdie Ereignisse vvn 892 (ausführlich nur von 9!!6) bis kurz vor seinem Tode dar. Allediese Chronisten sind indessen über die Geschichte der Welt vor ihren: Leben höchst mangelhaftunterrichtet, mengen Sage und Geschichte durcheinander und erzählen mitunter rein erfundeneEreignisse. Dazu kommen noch eine Menge Heiligen-, Kloster- und Bistumvgeschichten, diezu nennen uns zu weit führen würde.

ES war um die Mitte des elften Jahrhunderts, als die Deutschen der in ihrem Landeherrschenden lateinischen Litteratur überdrüssig zu werden begannen und sich anf eine