VHO Zweites Buch. VI. Die Kirche und die lateinische Litteratur.
Wiederbelebung des Schrifttums ihrer Muttersprache vorbereiteten, und zwar in der mittel-hochdeutschen Sprachform, welche nun allmählich au die Stelle der althochdeutschen trat.Damals entstand, zwar noch lateinisch, was die Sprache, — aber deutsch und im Geiste einerneuen Zeit gedacht, was die Auffassung und den Inhalt anlangt, ein vcrsifizierter Roman, dererste seit dem Absterben des klassischen Altertums, der leider jedoch nicht vollständig auf unsgekommen ist, Ruodlieb betitelt. Er schildert die Abenteuer eines Ritters ganz in der Artder späteren Ritterromane und Ritterepcn. Neben der fortdauernden Derbheit des zehntenJahrhunderts finden wir darin bereits Anfänge der höfischen Art des zwölften, namentlichin der Achtung vor den Frauen. Ein Mönch von Tegernsce hat ihn geschrieben, aber keineswegsin asketischem, sondern in humanem Geiste und bisweilen sogar in recht mutwilliger Weise.Damals setzte der Abt Williram von Ebersberg die Bestrebungen des St. Galler MönchesNotker für die Pflege der deutschen Sprache fort und mischte in seiner dem jungen Heinrich IV.gewidmeten Übersetzung und Erklärung des Hohen Liedes lateinische und deutsche Spracheuntereinander il005); damals entstand das erste bekannte mittelhochdeutsche, aber mit latei-nischen Versen vermischte, Gedicht durch Ezzo von Bamberg, welches die heilige Geschichtebesang und von: Priester Willv in Musik gesetzt wurde. Als erstes rein deutsches Gedichtvon Bedeutung folgte zu Anfang des zwölften Jahrhunderts das schöne Ann o li e d zu Ehrendes Kölner Erzbischofs, und diesem die „Kaiserchronik", eine an Fabeln reiche dichterischeWeltgeschichte von Cäsar an, allein ohne jede Rücksicht auf die Zeitfolge. Damals schrieb manauch die ersten deutschen Predigten, und aus dem Jahre 1070 kennen wir die erste, freilichnoch vereinzelte deutsche Urkunde. Die erste deutsche Königsurknnde ist von >240.
Es war allerdings auch zum Teil die Zunahme des Fehdewesens, welche zumRückgänge des Studiums der Sprache Roms in Deutschland beitrug, und der Natur der Sachegemäß war damit zugleich eine Abnahme der Gelehrsamkeit und des wissenschaftlichen Lebensverbunden, deren Anforderungen die deutsche Sprache noch lange nicht gewachsen war. Schonmit dem Ende des ersten christlichen Jahrtausends versiegte das geistige Schaffen der Klöster,welche mit in die Fehden hineingerissen wurden. Es war jetzt eine Seltenheit, wenn welt-liche Personen, selbst Fürsten, lesen konnten; wohl mehr Frauen als Männer verstanden es.In der ersten Zeit des zweiten Jahrtausends klagte Graf Uda lrieh, der Stifter desKlosters Ebersberg (7 >028> darüber, das; die Edelleute nicht mehr wie ehemals die Gesetzelesen könnten, die ja lateinisch abgefaßt waren. Nur vereinzelt besuchten deutsche Geistliche diegelehrten Schulen Italiens und Frankreichs, wo die herrschende romanische Zunge sich allmählichvon der lateinischen Muttersprache loszureißen begann, und gefeierte Lehrer, wie Berengarvon Tours, Lanfrank aus der Lombardei und andere, Aufsehen erregten. Zwar bestandenin Deutschland gute Kloster- und Stiftsschnlen foA, unter welchen namentlich das von Heinrich II.mit trefflicher Bibliothek beschenkte Bamberg, damals mit Athen verglichen, hervorleuchtete;sie leisteten zwar nichts Geringes, aber auch nichts Außerordentliches, nichts, was in Prosaoder Versen, so gewandt beide oft waren, über die Bedürfnisse der Kirche hinausging. Davonanszunchmen sind höchstens die damaligen Geschichtwerke, welche zum Teil einen wesentlichenFortschritt in Stil und Ausdruck verraten und im Geiste der neuen großen Zeit gedacht sind,die nun über Deutschland aufging und in dessen Söhnen das Bewußtsein nährte, der erstenNation der Welt anzugehören, welcher sich an Macht keine andere vergleichen konnte, welchedaher auch keiner längen: Unterwerfung unter das Joch einer fremden Sprache bedürftig war.Freilich haben diese Historiker oft gar sonderbare Ansichten über altere Zeiten. Wipo z. B.hielt die Kaiser Vespasian und Titus für Christen; er (Kap. lUi) erzählte, sie hätten, „umden Herrn zu rächen, dreißig Juden für ein Goldstück verhandelt, weil die Juden Christinn fürebenso viele Denare verkauft hatten."
Unter diesen Geschichtschreibern nennen wir nur die hervorragendsten. T Hank »rar undWolfher schrieben die Lebensgeschichten der Hildesheimer Bischöfe Bernward und Gode-hard als Augenzeugen und mit steter Rücksicht auf die gleichzeitige allgemeine Geschichte desReiches, in wenig ausgebildeter, doch von klassischer Gelehrsamkeit zeugender Sprache. Der MönchOtto von St. Cmmeram in Rcgensbnrg beschrieb das Leben des heiligen Bvnifatins und das des