260 Zweites Buch. VIII. Die deutsche Litteraturdliite des Mittelalters.
zelnen Stände anbetrifft, so ist es begreiflich, daß die auf der Bolkssage beruhende Dichtungmehr das Volk, die Bürger und Bauern, dagegen die auf dem ritterlichen Romanismns aufge-baute Abenteuerpoesie mehr die höfischen Kreise ergriff, mährend die Geistlichkeit aus schonangedeuteten Gründen sich gegen beide Richtungen als ein weltliches Treiben, mehr oder
weniger schroff ablehnend verhielt. Sie hatte, wie wir sahen, unter den späteren Karolin-
gern mit Mühe und Not die Erinnerungen an das heidnisch-nationale Heldentum vernichtet.Nun begünstigte sie, weil der romantische Zug der Zeit sich nicht unterbinden ließ, anfangs diehöfisch-romantische Dichtung, welche ihre Mitglieder Konrad und Lamprecht begründet hatten;später aber mußte sie auch hier ihre Macht durch ketzerische Gedanken eingedämmt, ihre Er-wartungen somit bitter getäuscht sehen und sich von diesen unbotmäßigen weltlichen Schöpfungenzurückziehen. Trotzdem aber hat sie, oder vielmehr hat wenigstens der Kampf mit ihr einengewissen Einfluß auf die weltliche Dichtung erlangt und bewahrt, und dieser Einfluß hat auS
der nationalen Dichtung fast alle Erinnerungen an die heidnische Mythologie verbannt, hat
somit die höfische Dichtung christlicher gestaltet, als sie es vielleicht sonst geworden wäre.
Aus der dunklen Urzeit der unbestrittenen Herrschaft heidnisch-germanischer Mythe hatsich die leuchtende Krone der poetischen Schaffenskraft des deutschen Volkes, die Nibelnngen-sage, durch die Jahrtausende hin entwickelt. Den Abschluß dieser Entwickelung hat sie imLaufe des zwölften Jahrhunderts erreicht in der Gestalt des „Nibelungenliedes," des echtestendeutschen Nationalepos, das mit Recht als die deutsche Jlias oder das deutsche Mahabharatagefeiert wird. Die im Nibelungenliede erzählten Begebenheiten sind nicht historisch; derUntergang der Burgunder von Worms im fünften Jahrhundert hat wohl den Gedanken, nichtaber den Inhalt zur Handlung dargeboten. Aber das Epos spiegelt auf die treneste Weiseden Geist und die Kultur Deutschlands während seiner geschichtlichen Werdezeit ab; denndie Verfassung, der wir hier begegnen, ist nicht die des zwölften, sondern noch die dessechsten Jahrhunderts, während die Sitten und Zustände an das achte bis zehnte Jahrhundertanklingen. Wie der Dichter des gewaltigen Epos hieß, ist ein ungelöstes Rätsel; ob er amRhein oder an der Donau lebte, eine nicht zu beantwortende Frage; ob sein Werk als Ganzesoder aus verschiedenen Rhapsodieen und aus welchen geboren wurde, ein Gegenstand gelehrterGrübelei. Für uns ist das deutsche Volk der Dichter, das deutsche Land die Heimat desGedichtes; für uns sind seine Episoden, wie sie sich aus der Vergleichung mit seiner älteren,vom Rheine nach dem Norden gewanderten Gestalt ergeben, seine natürlichen Teile; sein Geistaber und der Charakter der handelnden Personen ist für uns die Hauptsache. Die sonnenhafteReinheit des Helden Siegfried, dessen früheres Verhältnis zu Brnnhild die christliche Be-arbeitung als anstößig beseitigt hat, steht unveränderlich, in jugendlicher Göttergestalt da,während die ihn umgebenden Personen den Wogen weichen müsse», welche das Meer dermenschlichen Geschicke um sie anstürmt. Siegfrieds Tod und dessen tückische Vorbereitung istin gleicher Weise die Ursache der Wandlung im Wesen der übrigen Gestalten des Gedichtes,wie mit dem Untergang des leuchtenden Tagesgestirnes die Stimmungen der Menschen sichändern. In Brnnhild, der ursprünglichen weiblichen Ergänzung Siegfrieds, geht diemindeste Wandlung vor sich. Durch Täuschung schwach geworden, kehrt sie durch die Ent-täuschung zur Urkraft des Mannweibes zurück; leider aber hat das mittelhochdeutsche Liedihre Entwickelung verstümmelt und daS heldenhafte Ende der Walkyrie ausgemerzt. Wenigerhat die ursprüngliche Gestalt der Kriemhild gelitte»; sie ergänzt jene» Ausfall an Kraft,wird durch den Schmerz um des Geliebten Blord und durch den Drang nach Rache aus einemfrommen und minnigen Franenbild zu einer zweiten Brnnhild, nicht zu einem Ungeheuer, wiedie ältere Sage in ihrer Berserkerart dichtete, und wandelte sich so in ihr Gegenbild um. InHagen, dem großartigsten Charakter des Liedes, zeigt sich das nächtliche Gegenstück des son-nigen Siegfried in seiner ganzen Furchtbarkeit. Bassallentrene macht ihn, den ursprünglichenBruder des Bnrgnndcrkönigs, freilich in Begleitung des Gvlddnrstes, zum renelosen, und geradezuthatgierig dämonischen Mörder; sie läßt ihn aber auch wie einen Helden trotzig, des blutigenAnsganges bewußt dem Untergang entgegcnstürmen und mannhaft sterben. Neben diesenHanptcharakteren hat die übrigens nicht stets sich gleichbleibende Kunst des Dichters