262 Zweites Buch. VIII. Die deutsche Litteraturblüte des Mittelnlters.
wohl niemals hätten träumen lassen. Mit Übersetzungen begannen die deutschen Bearbeiter derfranzösischen Romane, teils Ritter, teils Bürger; mit unsterblichen Dichterwerken vollendetensie ihre glänzende Laufbahn.
Wir haben bereits Heinrich von Veldeke als den Vater der höfischen Dichtung inDeutschland bezeichnet. Der fröhliche und harmlose Lebemann wurde dies dadurch, daß er diefür die höfische Dichtung charakteristischen kurzen Verspaare mit dem reinen Reim einführte,und damit die Assonanz verdrängte, welche auf die Allitteration der ältern Zeit gefolgt war;er wurde es dadurch, daß er einen Stoff zur Bearbeitung wählte, der als klassischer ein allge-meines Interesse erweckte, weil man die Trojaner einmal als Bäter der Römer betrachteteund das „römische Reich" nun den Deutschen gehörte. Veldeke nannte nämlich sein HeldenpaarAeneas und Dido; er ließ es in Karthago dulden und lieben, während ihre Lebensartund Tracht genau die der Zeitgenossen des Dichters sind. Landgraf Hermann vonThüringen war der Mäcen Heinrichs, der aus einer französischen Bearbeitung deS Vergilschöpfte, an welche er sich indessen enger anschloß, als diese an den römischen Dichter. Auf dieseWeise wurde das Einströmen der Klassizität durch französische Kanäle ermöglicht; HeinrichsNachfolger besangen die Argonauten, den trojanischen Krieg, die Verwandlungen nach Ovidund andere Stoffe, teilweise allerdings mit Germanisierung der griechischen und römischen Namenund Gestalten. Denn die antiken Dichtungen und Vorbilder errangen sich nach Veldekes Zeitnicht mehr die Gunst, welche diesem zu teil geworden war; man suchte nach anderen. Erst imÜbergänge vom zwölften znm dreizehnten Jahrhundert aber war diesem Suchen ein Finden ver-gönnt; damals erhielt die Nation in Hartmann von Onwe, einem Schwaben, Dicnstmanndes Herrn von Ouwe und Kreuzfahrer, wieder einen wahren Dichter. Nicht ungebildet, zeigteer sich als Lyriker wie als Epiker vielseitig, suchte er das epische Ideal wieder auf verschiedenenPfaden. Wir nennen von seinen Werken die zuerst, welche deutschen Ursprungs sind. Grego -rius oder der gnotk sünäaors, malt in erschütternden Zügen ein grauenhaftes Familicngeschick:der Held, Sohn der sträflichen Liebe eines Geschwisterpaares und als Kind ausgesetzt, heiratetspäter, aus der Fremde kommend, ohne es zu wissen, seine Mutter. Aber die Milde des wahrenChristentums schließt die furchtbare Tragik des Geschickes eines Ödipus und einer Jvkaste ausund läßt Gregor nach siebzehn Jahre langer Buße, die er auf einem Mecresfclsen angeschmiedetverbringt, gerettet werden, zum Papst emporsteigen und auch seiner Mutter Gnade erwerben.Hartmanns bekanntestes Werk, der „Arme Heinrich", nach einer unbedeutenden lateinischenQuelle, ist die Geschichte eines Ritters aus dem Geschlechte, welchem der Dichter diente.Heinrich wird durch Krankheit eine Art Hiob; aber durch die Großmut, mit welcher er dasAnerbieten eines Mädchens, ihn durch ihr Herzblut zu heilen, verschmäht, findet er Genesungund in seiner Retterin ein treues Weib. Auch hier waltet die vom Dichter in ihrer Reinheiterfaßte christliche Barmherzigkeit und Selbstverleugnung.
Vor und nach diesen beiden ergreifenden moralisch-poetischen Erzählungen schuf Hartmannvon Ouwe die zwei ersten jener Ritterromane, welche dem höfischen Wesen den trenesten Ausdruckgegeben und die deutsche Litteratur dieser Dichtung auf die höchste Stufe erhoben haben. Diesebeiden Erstlinge waren „Erek" und „Jwein"; sie eröffneten die dichterische Verwertung jenerromantischen Abenteuer, welche sich um den halbmythischen Britenhcrrscher Artus, um seine„Tafelrunde" von unvergleichlichen Helden und um das Mysterium des „heiligen Gral" an-gesammelt hatten. Mit denselben ergoß sich ein reicher Strom aus keltischer (bretvnischer)Quelle in den vorher so klaren See des deutschen Schrifttums, und trübte ihn, so herrlicheser diesem Zufluß auch verdankte, durch eine gewisse Manier, ein mittelalterliches Rokoko, durchEinförmigkeit und Verschwommenheit in der Charaktermalerei und durch wertlose Huldigungen, dieer einem lockern, in der Liebe ungezügelten Leben darbrachte. Der Franzose Chrestien vonTroyes war Hartmanns Original; denn letzterer beschränkte sich noch, wie Veldeke, nur aufÜbersetzung, jedoch mit Milderung derber Ausdrücke und Wcglassnng trivialer Details undfrivoler Auffassungen. Die Ritterromane wurden durch Hartmann also nicht nur dem Worte,sondern auch dem Sinne nach deutsch. Weil aber ihr Stoff nicht deutsch war, so litt dieArbeit durch die Übertragung von Schwulst, Unnatur und Manieriertheit und konnte den