264 Zweites Buch. VIII. Die deutsche Litteraturblüte des Mittelnlters.
auf der Wartburg, die ein fröhliches, farbenbnntes, geistvolles Lebeu sah, wie nach sechs-hundert Jahren die kleine Hauptstadt der Fürstenfamilie, welcher diese Burg jetzt gehört. Indieses ältere reichbewegte Treiben wird auch der sagenhafte „Sängerkrieg" verlegt, in demWolfram eine Hauptrolle spielt. Freilich, sogleich nach Hermanns Tod, als die Wartburgeine Stätte „heiliger Übungen" wurde, verschwanden sowohl die ritterlichen Sänger, wie dieschmarotzenden Dichterlinge aus dem klassischen Felsenschloß. Die Bildung all dieser Herrenwar eine beschränkte. Wolfram konnte weder lesen noch schreiben. Er dichtete seine unsterb-lichen Werke aus dem Gedächtnis und zwar auf Grundlage des Chrestien von Trotzes und desangeblichen Provenaalen (in Wahrheit Franzosen) Gnhot, deren Muttersprache er häufig insein Teutsch einstießen läßt. Seine hier allein in Betracht kommende Dichtung, der vor 1216vollendete „Parzival", eins der großartigsten Werke der Weltlitteratnr, gehört zugleich derArtus- und der Gralssage an. Die letztere feiert in dem Gefäß (xrnal, xröai, provenyalischArafat Schüssel), dessen sich Jesus beim Abendmahlc bedient haben und in dem auch seinBlut aufgefangen worden sein soll, das Geheimnis des Glaubens an die Gnade Gottes, durchwelche die Besitzer des Kleinodes, d. h. eben des Glaubens, welches in einer wunderbaren Burglchem Himmel), von den Templeisen (seligen Heerscharen) aufbewahrt wird, über alle Maßenmit Glück bedacht werden. Artus und der Gral, zwischen denen der Held lange schwankt,stellen den Gegensatz des weltlichen und des geistlichen Rittertums, das heißt der Sinnlichkeitund des Glaubens dar; jenes vertritt Gawan, der auch im „Jwein" eine Rolle spielt, diesesParzival selbst in seiner spätern Entwickelung, welche auf sein jugendliches, unsicheres Tastennach dem Ideale folgt. Darum besteht auch das Epos eigentlich aus zwei Gedichten; dieHelden derselben sind Gawan und Parzival, deren Abenteuer sich nach dem von ihnen vertretenenStandpunkte scharf scheiden. Sucht aber Parzival Gott, findet er ihn nach harten Prüfungen,so ist er darum doch noch kein Asket; er erreicht sein Ziel vielmehr als verheirateter Grälkönig,und seine Liebe zu Eondwiramurs (das heißt eoin äs vrai amonr, Stempel der reinen Liebe)ist so herzinnig und rein, sein Wiederfinden der Geliebten nach langer Trennung so überausergreifend, wie dies in einem die Liebe so hoch haltenden und sie zugleich so oft mißbrauchendenZeitalter nur möglich war. Dabei tritt die tolerante Tendenz des zweiten Jahrhunderts derKreuzzüge in dem Epos so scharf zu Tage, daß der Dichter einen „Heiden" (das heißtMohammedaner) zu seines Helden Bruder erhebt und das Leben des Orients mit dem desOccidents ganz auf die gleiche Stufe stellt. Wie das Bruchstück „Titurel" in der Liebe desSchionatulander und der Sigune an ergreifender Lebenswahrheit, so wetteifert an religiöserToleranz mit Parzival des Dichters letztes Werk „Willehalm", die Erzählung von dem gegendie Araber kämpfenden heiligen Graf Wilhelm von Aqnitanien, deren Bollendnng des DichtersTod um 1220 verhindert haben mag.
Wolfram schließt sich in seiner echt christlichen Bersöhnnngsidee eng an Hartmann vonOuwe an und steht gleich diesem der trostlosen antiken Schicksalsidee fern. Einen Bertreterder letztem, den einzigen des deutschen Mittelalters, treffen wir dagegen in Wolframs mehr-erwähntem Widerpart, in dem Realisten Gottfried von Straß bürg. Wir sehen ihnals den bürgerlichen und gelehrten Sänger, der den Adel mißachtet, das Turnicrwesen undalle ritterliche Übung umgeht, und der Sage gemäß den nach weltlicher Liebe Strebendentragische Veranlagung znerteilt, wie das Altertum seinen Helden. Dabei schildert er gleichden alten Hellenen doch alles so hell und durchsichtig; während sein Gegner, welchen er des„Findens wilder Mären" und des „Wildern? in den Mären" beschuldigt, nur allzu oft anDunkelheit des Ausdrucks leidet und eine Schule hinterließ, die bei geringerer Begabung inSchwulst und Ziererei unterging. Eine glänzende höfische Welt umgiebt das glückliche Sünder-paar Tristan und Isolde; überhaupt ist das Kolorit der Dichtung durchaus französisch, wiedenn auch Gottfried diese Sprache ungemein stark verwendet, ja sogar in dem Maße, daß ersein Vaterland, als hätte er die spätere Zwitterstcllnng seines Elsaß geahnt, nur mit demwälschen Namen chVImanje) bezeichnet, während Wolfram sich stets als guten Deutschen bekennt.Französisch ist ferner in seinem Werke die Leichtigkeit, mit welcher über die Ehe und die Moralhingeschritten wird, französisch die witzelnde Freigeisterei, die über die Gottesurteile spottet,