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Erster Band.
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274 Zweites Buch. IX. Wissenschaft und Kunst in der Glanzzeit des Kaisertunis.

Kathedrale St. Martin (erbaut von 1036 bis 1239, durch Feuersbrünste beschädigt und teil-weise zerstört in den Jahren 1081, 1137 und 1191) machte den Anfang und ist der ältestenoch erhaltene große Kirchenban dieses Systems. Der herrliche Dom von Spei er (1030begonnen) vervollkommnete noch den Gedanken und wurde unter der Leitung Konrads II. einBan, welchen „die Chronisten des zwölften Jahrhunderts oft und mit Recht als ein Werk vonwunderbarer Größe und Schönheit preisen", — ja „ein Symbol der Majestät des Reiches".Der Dom zu W orms . endlich „entfaltete den vollen Reichtum des entwickelten romanischenStiles" und steht in der harmonischen Einheit seiner Teile fast einzig da. Auf quadratähn-lichem Plane erhob sich in diesen Bauten der Rundbogen zum Kreuzgewölbe. Seit den dreißigerJahren des zwölften Jahrhunderts fand das neue System auch im alten Köln Eingang, zuerstin der Mauritiuskirche, während die einsame Abteikirche von Laach am Kratersee der Eiseldie ersten, damals in Deutschland noch vereinzelten Keime des Spitzbogens und des oblongenGrundplanes zeigt. Eine andere Ausnahme machen die auf Grundmauern des Altertumsstehenden Kirchen des „deutschen Rom", wie z. B. „St. Maria im Kapital" (1049 von Leo IX.geweiht). Der Dom zu Trier wurde auf antiker Grundlage romanisch ausgebaut. Immerreicher gestalteten sich die romanischen Motive in den verschiedenen Reichsteilen an den zahl-losen Gotteshäusern. Im Elsaß begegneten sich französische und deutsche Einflüsse; in Schwabenund Baicrn, wo erstere nicht eindrangen, reichten sich indessen verschiedene architektonische Ge-danken die Hand; hier trat das Gewölbe erst spät an die Stelle der Säulen- und Pfeiler-bauten mit flacher Deckung, während im allgemeinen edle Einfachheit vorherrschte und nur anden Thoren und an den Würfelkapitellen sich, wie auch im Elsaß, Phantastisches, aber imLande einheimisches, von der Antike unabhängiges Schmnckwerk entfaltete. Bestimmend fürdie Bauart war hier namentlich der in Hirsau waltende Geist des von Clnny ausgegangenenreformierten Klosterwesens. Auch nach Franken und Hessen wirkten diese Einflüsse. In Öster-reich und Böhmen treten häufiger als sonstwo einfache Rundbauten auf. In den Ländern desNordostens aber, welche den Slawen abgerungen worden waren, bot die Natur ein znm Bauengeeignetes Gestein nicht dar; dieser Mangel nötigte znm Ziegelbau, der zu einem schmucklosen,knappen, aber großartigen und tiefernsten Baustile führte.

Jetzt begann die von Frankreich ausgehende Bewegung, welche seit dem Beginne derKreuzzüge zwar schon ein Jahrhundert lang die deutsche Kultur merklich beeinflußt hatte, inerhöhter Einwirkung sich geltend zu machen: wie in der Litteratur, so auch in der Kunst,namentlich in der Baukunst. Im französischen Norden entwickelte sich nämlich organisch ans denlandesüblichen Formen des romanischen Stils der Spitzbogen, welcher den Banwerken einegrößere Abwechselung und Lebendigkeit verlieh als der Rundbogen, und dessen allerdings lang-samer Trinmphzng durch Westeuropa einer vollständigen Umwälzung in der Bauknnst gleich kam.Das erste Eindringen dieser Formen in Deutschland fällt in die zweite Hälfte des zwölftenJahrhunderts, und es wurde ihnen um so leichter, Platz zu gewinnen, als, wie oben gezeigt,der romanische Stil in unserm Lande keine einheitliche Ausbildung gefunden hatte. Damalswurde der Spitzbogen ini Rhcinlande beliebt, wie es die Dichtungen vom Gral und von Tristanund Isolde geworden waren. Aber wie diese in Deutschland zu eigenen großartigen Dichter-werken answuchsen, so nahm auch jene Bauart ihren eigenen Weg, indem sie zu neuen Kon-struktionen Anlaß gab, wie dem Kleeblatt-, Hufeisen-, Fächerbogen, dem Knospen- und Blatt-kapitell, den überschlanken Wandsäulchen, den Abteilungen des Gewölbefcldes, das nun stetsals ein Kreuz-Gewölbe erschien. Nachahmungen der Kirche des Heiligen Grabes und selbstmaurische Formen fanden infolge der Krenzzüge gleichfalls Eingang. Der strenge Geist derCistercienser, welche jeden malerischen Schmuck verwarfen, begünstigte und verbreitete den neuenBaustil, wie sich namentlich in ihrem Kloster Maulbronn (S. 157) zeigt. So gelangte dieArchitektur in eine Periode des Übergangs, aus welcher nach etwa einem halben Jahrhundert,nämlich in der ersten Hälfte des dreizehnten, sich der eigenartig deutsch ausgebildete gotischeBaustil entwickelte, dessen Blüte eine ganz neue Epoche der Bauknnst begründete. Denn dasRegellose jenes Übergangsstils befriedigte auf die Dauer nicht; im Rheinlande, wo er, wieim Dom zu Lim bürg, dem es bei aller Pracht seiner Ausführung an ausgeprägtem Charakter