Zehnter Abschnitt.
Trachten und Waffen des Mittelalters.
der Darstellung der Trachten und der Waffen, welche während der Glanzzeit des
deutschen Kaisertums im Gebrauche waren, muffen wir des Verständnisses wegen zeitlichetwas zurückgreifen.
„Solange der Mensch sich begnügt, in erster Linie das Bedürfnis für die Gestaltungdes Kleides sprechen zu lassen und dieses Bedürfnis mit mehr oder weniger Schönheitssinn zubefriedigen sucht, wird der Rock, der Mantel, der Schuh und der Hut, denen bei einzelnenVölkern sich noch die Hose zugesellt, für seinen Kleiderbedarf genügen. So einfach war auch diedeutsche Tracht in alten Tagen. Die nordischen Torfmoore haben uns Kleider der Eisenzeitjener Länder aufbewahrt. Wir finden unter ihnen einen gegürteten Rock mit Ärmeln vongewürfeltem Stoffe, eine durch einen Lederriemen gehaltene Hose mit Füßlingen und einendurch Lederritzarbeit oft kunstvoll geschmückten und aus einem Stück Leder gearbeiteten Schuhohne besondere Sohle (S. 60). Figur 1 unsrer Tafel „Die Entwickelung der Tracht imMittelalter" dürfte einen alten Germanen ziemlich getreu darstellen. Über der Schulter lagihm ein friesartigcr Wollenmantel; eine mehr oder minder hohe Mütze (Fig. l) deckte denKopf; an der linken Seite trug er eine Tasche mit dem Kamm, um das lange Haar, des freienMannes Zier, in Ordnung zu halten. Natürlich wechselten, wie des Tacitns Beschreibungendies uns sagen, die Kleidungen der verschiedenen Stämme. Die Frauen jener Zeit trugeneinen Rock, welcher durch eine Schnur und einen kunstvollen Gürtel zusammengehalten wurde, undeine kurze Jacke mit Rückcnnaht, was darum merkwürdig ist, weil diese Rückennaht im Mittel-alter bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts wieder verschwindet. Allmählich kommt einaus Wollenfäden geschickt geknüpftes Haarnetz (Fig. 2) auf. Natürlich fehlte es beiden Ge-schlechtern nicht an Schmuck wie Schnallen, Hals- und Armringe; namentlich durften diegroßen mit Platten versehenen Fibeln nicht fehlen, die sich oft durch vortreffliche Arbeit aus-zeichneten (Tafeln bei S. 12, 13, 14, 54). So blieb das Kostüm lange Zeit, und nur hieund da fanden Kleidungsstücke römisch-byzantinischen Ursprungs wieder Verwendung; namentlichnachdem Otto II. durch seine Heirat intimere Beziehungen mit Byzanz angeknüpft hatte. DieKleider bekamen Besätze, die, über die Brust oder den Leib gehend, die Säume der Gewänderverließen. Das Beinkleid war farbig und unter dem Knie gebunden, die Schuhe wurden oft durchStiefel ersetzt (Fig. 3). Die Frauen trugen nach römischer Art zwei bis drei Kleider über-einander, wovon das obere, kürzer als das untere, auch kürzere Ärmel hatte und mit jenenmerkwürdigen Besätzen verziert war, die aufsteigend mit einer runden Platte endigten (Fig. 4).
Im elften Jahrhundert behielt der Mann Tunika, Beinkleid, Schnltermantel wie bisher,nur in reicherer Ausschmückung und oft von ganz gemustertem Stoffe (Fig. 5). Die Kleidungder Frauen und hin und wieder auch die der Männer fing an, sich enger an die Körperfvrmenanzuschmiegen. Die Ärmel begannen oben eng und wurden an den Ellbogen zu langenHängcglocken, die ziemlich schmal, noch nicht den 'Unterarm deckten, bei welchem das Unterkleidsichtbar wurde (Fig. 6). Die Tendenz der Verengerung der weiblichen Tracht, sowie der