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Drittes Buch. VI. Die Verfolgten.
zehnten Jahrhunderts, als die großen Seuchen ansbrachen. In dieser Zeit entstanden, weil dieJuden infolge ihrer ärztlichen Kenntnisse und vernünftigeren Diät weniger darunter litten als dieChristen, die bodenlos thörichten und zugleich boshaften Beschuldigungen des Mißbrauchs vonHostien und des rituellen Mordes von Christenkindcrn, welchen Wahn selbst ein so großer christ-licher Eiferer wie Papst Jnnocenz IV. (1247) verwarf. Das waren indessen nur die Vorwände;Hauptursachen des Judenhasses waren Abneigung gegen ihre Rasse und Religion und Erbitterunggegen ihren Wucher, obwohl bereits sehr früh auch Christen solchen trieben. Schon KönigRudolf mußte im Jahre 1281 den Juden befehlen, sich während der Passionszeit verborgen undeingeschlossen zu halten; Kaiser Ludwig der Baier schützte sie gegen Plünderungen und ent-schädigte sie für den ihnen gewaltsam zugefügten Schaden; so auch andere Fürsten. Ein größererJndenmord geschah schon im Jahre 1298 in Franken; der vom Jahre 1337 in Deggcndorfwurde bis auf unsere Zeit durch eine Wallfahrt gefeiert.
Der Höhepunkt der Judenverfolgungen fällt in Deutschland in die Mitte des vierzehntenJahrhunderts, in welcher Zeit dieselben mit zwei anderen schlimmen Erscheinungen, die damalsebenso ihren Gipfel erreichten, nämlich mit der des großen oder schwarzen Todes undden Geißlerfahrten, in engster Verbindung standen. Das Hinschwinden aller Erfolge derLreuzzüge trug Wohl das meiste zu den schon im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts auf-tauchenden apokalyptischen Lehren bei, welche auf das Jahr 1260 den Anbrach eines neuenschönen Weltaltcrs prophezeiten. Von Italien aus begannen damals lange Züge von Leuten,die sich zur Buße geißelten, in Deutschland einzudringen. Weit bedeutender und umfangreicherwurden aber diese Fahrten im Jahre 1348, als das erwähnte große Sterben ausbrach.Kometen, Erdbeben und andere mißverstandene Erscheinungen steigerten die Angst der Bevölkerung,und mit ihr verband sich eine namenlose Wut gegen die Juden, welche angeblich Brunnen ver-giftet und hierdurch die Seuche verschuldet haben sollten, und denen man sogar darauf bezüg-liche Geständnisse durch die Folter erpreßte. Die Seuche aus der einen, das Hinmorden undVerbrennen der Juden auf der andern Seite, wodurch Gläubiger bequem beseitigt werdenkonnten, wetteiferten miteinander an Entsetzlichkeit, als nun auch von Österreich aus (wo sie1261 den meisten Anklang gefunden) die Geißler sich über das ganze Reich verbreiteten.Ihren nach Hunderten zählenden Scharen schloß sich in jeder Stadt neuer Zuwachs an, sogarvon Kindern, und vergrößerte die einzelnen Haufen bis zu Tausenden von Köpfen. Wo sieaber hinkamen, verbanden sie sich mit dem Pöbel zur Nicdermctzelung oder Verbrennung dervom bisherigen Morden noch übrigen Juden, erstürmten deren Stadviertel, plünderten sie ausund zerstörten sie. Kaiser Karl IV. zeigte sich dabei von einer schmählichen Seite; er „be-stimmte im voraus, was geschehen sollte, falls die Juden in Frankfurt erschlagen würden;ebenso überließ er sie den Bürgern von Worms und Speier mit Leib und Gut und gewährteden Jndenschlächtern in Augsburg und Köln billige Verzeihung." Wenige Juden nur hattendurch eine Schcintaufc ihr Leben gerettet. Einer davon, in Konstanz, bereute es und verbranntesich mit Familie in seinem Hause, aus dem er herausrief, er sterbe als Jude. In Straßbnrgstürzten sich Jüdinnen mit ihren Kindern, die man ihnen zur Taufe wegnehmen wollte, in dieFlammen. In mehreren Städten bereiteten sämtliche Juden in der Synagoge oder in ihremGhetto, um weiteren Greueln zu entgehen, sich freiwillig den Feuertod.
Die Geißler, mit denen sich viele Geistliche und besonders Bettelmonche verbanden, währendandere gegen sie eiferten, glaubten mit jenen Greueln nichts Unrechtes zu thun, sondern nurdie Tötung Christi zu rächen. Denn sie fasteten und beteten, enthielten sich des Schwörensund der Gotteslästerung; in jedem Orte, den ihre Züge mit Kreuz, Fahne und Kerzen, frommeLieder singend, betraten, ordneten sie sich in gewisser Art auf dem Kirchhofe, fielen auf die Knie,entblößten den Rücken und geißelten sich mit Peitschen, an denen Knoten und Stacheln angebrachtwaren, bis das Blut in Strömen rann. Ihr Auftreten war stets mit Verbannung des Spielens,Tanzens, Zechens und üppiger Moden verbunden. Die Bewohner der von ihnen besuchtenOrte empfingen sie mit Glockengeläute und wetteiferten sie zu bewirten. Auch diese Erscheinunghatte eine scharfe Spitze gegen den Aufwand der höheren Geistlichkeit, welche denn auch amschärfsten gegen die Geißler predigte und einschritt. Freilich zog-viel schlechtes Gesindel mit