Geißlerfahrten. Tänzer. Stellung der Juden.
408
ihnen, das weder vor Diebstählen noch vor Beschimpfung der dem Treiben abgeneigten Geist-lichen zurückschreckte und geradezu von sozialistischen und kommunistischen Träumen erfüllt war.Endlich, nachdem sich schon vieler Widerstand gegen dieses Unwesen, dessen Teilnehmer maneinzusperren begann, angesammelt hatte, verdammte der Papst am 20. Oktober 1349 dieGeißlerfahrten; doch auch diese Maßregel fand nur langsam und widerwillig Nachachtung.
Indessen aber hatte der schwarze Tod so gewütet, daß aller Handel und Verkehrstockte, Ämter und Gerichte feierten, Familien sich trennten, alle Ordnung sich löste und derLandbau aufhörte. In einzelnenStädten sollen 4000 bis 16 000Menschen, in ganz Deutschland eineMillion gestorben, mehr als 2000Ortschaften ganz verödet gewesensein. Aber die Nation erholtesich wieder von diesen Schrecken,wie wir bereits gesehen haben.
„Danach, da das Sterben, dieGeißelfahrt und die Judcnschlachtein Ende hatte," sagt die Chronikvon Limburg, „hub die Welt wiederan zu leben und fröhlich zu sein undmachten dieMännerneueKleidung."
Mit dem Treiben der Geiß-ler verwandt, aber harmloser, wardas der Tänzer, welche im Jahre1374 aus religiösem Wahn tanzendund bettelnd von einer Stadt znrandern zogen, sich niederwarfenund mit Füßen treten ließen, aberBetrug und Unkeuschheit, die siefür erlaubt erklärten, damit ver-banden. Besonders in Köln wardieser Unfug stark im Gange.
Ehrenhafter war das seit dem Endeder Kreuzzüge zunehmende Pil-gern nach dem heiligen Lande,dessen Teilnehmer oft große, aberunbcwaffnete Züge bildeten undfleißig Reliquien aus Jerusalemund Wasser aus dem Jordan mitnach der Heimat brachten. Diesdauerte noch Jahrhunderte.
Seit den großen Judenverfolgungen der Jahre 1348 und 1349 hatten mehrere Fürstenund Städte, nicht aus Duldsamkeit, sondern aus Lust nach der Jndenstcner, die „kaiserlichenKammerknechte" wieder aufgenommen; denn Kaiser Karl IV. hatte ihnen seine Rechte auf dieJuden gegen große Summen abgetreten. Für ihre Steuerzahlungen, die ihnen auferlegt wurden,schützte man sie nun besser. Im Jahre 1400 waren, mit Ausnahme vereinzelter Fälle, dieJudenmetzeleien im ganzen vorbei. Die religiöse Erregtheit nahm überhaupt im fünfzehnten Jahr-hundert ab; häufige örtliche Vertreibungen und die allgemeine Zurücksetzung der Juden über-dauerten fort. Der später abgesetzte König Wenzel drückte die Juden ganz besonders, indemer alle „Jndenschuldcn" kurzwcg aufhob. In Augsburg und in anderen Städten wurden inErmangelung anderer Steine die Grabsteine vom Judenfriedhvfe weggenommen und zu Bautenverbraucht. Auch mußten die Juden beinahe überall ein besonderes, meist gelbes Abzeichen am
Ein sich geißelnder Büßer.
Faksimile eines Holzschnittes aus dem Jahre 1510 von Albrecht Dürer.