Zigeuner. Die altevangelischen'Gemeinden.
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wie bereits erwähnt, zu Land und See gefährliche Banden und Bünde bildeten, und andereLeute von ähnlichem Treiben nannte man „Rote", „Schwarze", „Vaganten", „Bettlerorden",„Landsahrer". Dagegen hießen „Landstörzer", „Landplacker" und „Landzwänger" die privi-legierten Verbrecher, welche in Fehden ihr Land und Volk schändeten, ohne dadurch derEhrlosigkeit zu verfallen, obschon sie es mehr verdienten als andere Diebe und Räuber. Unterden letzteren war eine eigentümliche Sprache im Gebrauch, das „Rotwelsch" oder „Jenische",das durch zahlreiche jüdische Elemente, welche die Judenverfolgungen unter sie getrieben, einenvorwiegend hebräischen Charakter erhielt, demgemäß sie sich selbst „Kochemer" (von: hebräischenelioeliow, kundig) nannten. Ihre später vorherrschende Bezeichnung als „Gauner" erhieltensie jedoch nach einem heimatlosen Volke, dem der Zigeuner (ein aus „Ägyptianer" verderbterName), das sich selbst „Roma", d. h. Menschen, nannte. Aus Indien stammend und nachihrer eigenen Aussage über das fabelhafte Land „Klein - Ägypten" wandernd, erschienen dieZigeuner im Jahre 1417 zum erstenmale in Europa; und obwohl sie wegen ihrer unverbesser-lichen Dieberei und ihres heimlichen Heidentums wiederholt verbannt wurden, und trotz ihrerVogelfrciheit, gemäß welcher die „Heiden" ungestraft getötet werden durften, blieben sie fürimmer in unserm Erdteile. Ein ähnliches Leben wie sie führten die, vielleicht auch aus denZigeunern hervorgegangenen, wandernden Kesselflicker; dieselben hielten in der Schweiz„Tage" und hatten einen „König"; als solcher herrschte einst der berühmte BürgermeisterHans Wald mann von Zürich, nach dessen Sturz und Enthauptung (1489) die Tagsatzungernstlich beriet, wie in dein erledigten „Königreiche der Keßler" wieder Ordnung zu schaffen sei.
Noch schlimmer als den „unehrlichen" Ständen erging es aber unter den Christen desMittelalters den Anhängern gewisser religiöser Richtungen, denen das Bestreben gemeinsamwar, die Grundsätze des Urchristentums, d. h. die des reinen Evangeliums und des freienGemcindelebens fortzupflanzen. Die Mitglieder dieser „altevangelischen" Gemeinden nanntensich untereinander nur „Christen" oder „Brüder"; von außen her aber gab man ihnen nebender allgemeinen Bezeichnung als Ketzer, willkürliche Namen nach einzelnen zeitlichen undörtlichen Erscheinungen ihres Wirkens, wie: Waldenser, Begharden, lombardischc Arme, böhmischeBrüder u. a. Die einzelnen, irrtümlich als Sekten betrachteten Teile dieses altevangelischenBundes stimmten in ihren, den Charakter der apostolischen Zeit widerspiegelnden Anschauungendurchaus überein, und ihre Glieder zeichneten sich vor ihren Zeitgenossen durch ihr sittliches Lebenvorteilhaft aus. „Waldenser" wurden sie nach einem ihrer Führer, Peter Waldus, einemGesinnnngs- und Zeitgenossen Arnolds von Brescia, genannt. Der Name „Begharden" istunbekannten Ursprungs und wechselt mit „Lollharden"; man gab ihn besonders den Ver-einigungen, welche sich teils aus Gliedern der genannten Gemeinden, teils aus Rechtgläubigenbildeten, und die nach Art der Klöster, aber ohne Gelübde, in besonderen Häusern zusammen-wohnten; die Verpflegung der Armen und Kranken war ihre Hauptaufgabe, an deren Erfüllungauch Frauen, die dann „Beghinen" (S. 38o) hießen, sich bethätigten.
Oberster Grundsatz dieser Verbrüderungen war, daß niemand Not leiden dürfe. Nur wasim Evangelium steht, ließen sie gelten und verwarfen jeden Zwang in Glaubenssachen. Mit Unrechtwurde ihnen Teilnahme an einer die Gesetze der Sittlichkeit mißachtenden angeblichen Sekte der„Brüder und Schwestern vom freien Geiste" vorgeworfen. Eine solche hat nie existiert, und derunter ihr gedachten Lehre, daß es keine Sünde gebe, huldigten in Deutschland stets nur vereinzelteSchriftsteller, darunter auch Geistliche. Die altevangelischen Gemeinden standen unter der Ober-aufsicht frcigewählter Bischöfe, durch Welche die Prediger die Weihen erhielten, waren aber sonstunabhängig; den Verkehr mit den zerstreuten Gliedern vermittelten wandernde Apostel, die manauch Gott es freunde nannte. Während des Kampfes zwischen Kaiser Ludwig dem Baierund dem Papsttum erfreuten sich diese Gemeinden großer Freiheit im Reiche, und ihre Grundsätzefanden weite Geltung, namentlich in den Zünften der Handwerker und besonders der Steinmetzen.
Vielfache Berührungspunkte verbanden sie mit den größten Predigern jener Zeit, denDominikanern Meister Eckhart und seinem Schüler Johannes Tauler. Auch HeinrichSense oder Suso, welcher in Prosa die himmlische Liebe auf ähnliche Weise besang, wiedie Minnesänger die irdische, und sie gleich diesen mit Naturschildernngen verband, war