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Drittes Buch. VII. Die Schulen und der Humanismus.
berichtenden Chronisten selbst miterlebten. Nicht nur wurde bezüglich älterer Zeiten unverbürgteÜberlieferung und die eigentliche Sage als vollgültige Quelle betrachtet, sondern die sogenanntenGeschichtschreiber scheuten sich auch nicht, teils aus Patriotismus, teils aus Lust am Abenteuer-lichen, ganze Ereignisse, ja ganze Reichsgeschichten zu erdichten. Lange Reihen angeblicher alt-germanischer, altgallischer, ältbritannischer Könige wurden erfunden; in der Schweiz wurde dieEntstehung der Bünde, deren urkundlichen Hergang man nicht kannte, mit einem mythologischenZuge verquickt, woraus die bis auf nnsere Zeit geglaubte Tellsage entstand. Für KaiserMaximilian wurde ein Stammbaum ersonnen, der bis auf Hektor und Priamos zurückging.
Fehlte es somit den Humanisten noch durchaus an Kritik, so finden wir dagegen in demFreiburger Professor Huldrich Zasius einen Vorläufer der deutschen Rechtswissenschaft,welcher es wagte, an der Unfehlbarkeit des römischen Rechtes zu zweifeln, die römischen Juristenzu geißeln und für das deutsche Recht Schutz zu verlangen.
Aber nicht nur das Reich der ernsten Forschung bebaute der Humanismus, sondern auchdas der heiteren Phantasie. Von dem einen auf das andere hinüber leitet uns derTübinger Professor Heinrich Bebel (1472—1518). Nicht ohne Verwunderung finden wir diesenseurigen Kämpen Deutschlands angesteckt von italischer Frivolität, die sich in seinem lateinischenGedichte „Triumph der Liebe" nicht weniger breit macht, wie in seinen „Facetten", einemgegen die Unsitten der Zeit eifernden Schwankbnche, in welchem der Schüler Poggios namentlichnicht unterläßt, die Geistlichen, besonders die Mönche zu geißeln und sich über Dogmen lustigzu machen. So gut wie ganz wirft sich der holden Poesie in die Arme der womöglich nochgenußsüchtigere Konrad Pickel aus Franken, genannt Celtes (1459 — 1508), ein ruheloserWandervogel, der in Nürnberg als Dichter gekrönt worden und Stifter gelehrter Gesellschaftenwar. Seine Dichtung ahmt der Horazischen nach; ihr Inhalt ist die sinnliche Liebe, in welcherer in allen vier Weltgegenden Erfolge errungen zu haben sich rühmte; aber auch an würdigenund erhabenen Stellen sind seine in eleganter Sprache geschriebenen Werke nicht arm. Er warein warmer deutscher Patriot, Bewunderer von Hellas und Gegner von Rom, namentlich seinerGeistlichkeit, obschon er sich als religiös zu geben liebte. Ein besonderes Verdienst erwarb ersich durch die Entdeckung der Werke Hrotsnits, der Nonne von Gandersheim (S. 153 ff.),die durch ihn der Vergessenheit entrissen wurde.
Diesen beiden Frivolen gegenüber erblicken wir in dem Satiriker Enricius Cordns,einem Verehrer und Altersgenossen Luthers, den ernsten Sittenrichter. Mit gleicher Schärfegeißelt er den Aberglauben der Sterndeuter, das römische System, die das deutsche Volkdrückenden Machthaber, wie alle denkbaren Laster und Eitelkeiten der Menschen. Im Gegensatze zuden sinnlichen Schriftstellern rühmt er das reine Glück der Familie und besingt seine treue Gattin.
Dichter mehr mit dem Verstand, als dem Herzen, denen ein klassisches Latein undtadellose Verse über Charakter und wahres Gefühl gingen, waren Hclins Eobanns Hesse(1488 — 1540), Hermann vom Busche (Pasiphilns) und Jakob Locher, genanntPhilomnsns, der Dramatiker unter den Humanisten, freilich nicht der einzige, aber der be-kannteste unter den talentlosen Nachahmern des Plantns und Tcrenz.
Wir wenden nun unsere Blicke den Humanisten im engeren Sinne, den Philologen, zu,welche die antiken Sprachen und Litteraturen als solche erforschten. In kaum einem halbenJahrhundert, ungefähr von 1470 — 1520, hat Deutschland, mit Italien glücklich wetteifernd,eine erstaunliche Menge von Gelehrten, von denen hier nur die führenden Geister genanntwerden können, in dieser wenn auch vielseitigen, doch einzigen Richtung hervorgebracht.
Die Bestrebungen dieser Männer wurden vorzugsweise durch die von ihnen gebildeten,dem „Znnftzwange" der Universitäten abgewendeten freien Gesellschaften gefördert. Die beidenbedeutendsten derselben trugen die Namen der größten deutschen Flüsse: die Soäalitas littm-ariavannbiana, vorzüglich aus Wiener Professoren und gelehrten Freunden Maximilians bestehend,und die von Celtes in Mainz gestiftete Ulmnana, welche ihren Hauptsitz in Heidelberg,ihren Protektor im Pfalzgrafen Philipp und ihr Haupt in dem Bischof von Worms, Johannvon Dalberg hatte, der als Schriftsteller und kaiserlicher Diplomat thätig war. Dieseund viele kleinere Gesellschaften verbreiteten den Humanismus über ganz Deutschland in allen