470 Drittes Buch. IX. Das Reich und die Ausbreitung der deutschen Kultur.
Nicht durch Anmaßung oder Gewaltstreiche bemächtigten sich die neuen Patrizier derHerrschaft in den Städten. Es vollzog sich dies allmählich durch den immer und überall zurGeltung gelangenden Einfluß des Reichtums und der Bildung. Die großartige Entfaltungdes Verkehrs forderte von den Regierenden der Städte immer mehr Zeit und Kenntnisse,über welche die geringeren Bürger nicht verfügten. Wer sich in die verwickelten Verhältnissehineingearbeitet hatte, konnte darauf rechnen, daß man ihn auch gern an seiner Stelle ließ.
So behielten die Ratsherren ihre Würden lebenslänglich und ihre Wahl wurde znr bloßen
Form. Die Verwaltung der Stadt zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und wurde eine ^
geheime Angelegenheit der herrschenden Familien.
Zugleich verminderten sich die reichsfreien Städte zusehends. Schon waren viele vonden anwachsenden Fürstentümern verschlungen worden; so Wien, Gelnhausen, Freiburg, Soest;von mehr als achtzig gab es im Jahre 1474 nur noch zweiundfünfzig. Das traurigste Beispieldieses Schicksals bot Mainz, einst das Haupt des rheinischen Bundes, dar. Der Papst, umden ihm nicht willfährigen Diether zu verdrängen, hatte Adolf von Nassau zum Erzbischof ein-gesetzt, welcher die Stadt im Jahre 1462 durch Verrat und Gewalt eroberte. Dabei fielen einhalbes Tausend Männer dem Schwerte und wohl ebensoviel Häuser der Brandfackel zum Opfer.
Alle Bürger, die Gegner Adolfs waren, wurden, mit Ausnahme der unentbehrlichsten Handwerkerund trotz der Winterzeit, aus der Stadt getrieben, die der Plünderung preisgegeben wurde,wobei selbst Kirchen und Priester keine Schonung fanden. Diether trat zurück, wurde abernach Adolfs Tod dessen Nachfolger (1475). Da that er, für den die Bürger gekümpft undgelitten, und von dem sie nun Wiederherstellung ihrer Freiheit erwarteten, ein Gleiches undwarf ihre Erhebung ebenfalls durch Waffengewalt nieder! — Nicht lange danach, im Jahre 1486,verzichtete Regensb nrg, verarmt und von Parteien zerrissen, auf seine Freiheit zu gnnstenBaierns; aber Kaiser Friedrich III., der die Schmach von Mainz hatte hingehen lassen, zwangRegensburg, wieder Reichsstadt zu werden (die es bis 1634 blieb).
Während das Reich in Fürstentümer zersplitterte, während die Städte, die allein dieseWendung hätten aufhalten können, teils durch die Fürsten ihre Freiheit verloren, teils herab-sanken zu machtlosen, auf sich selbst beschränkten Domänen einer Aristokratie ohne Vergangenheitund Zukunft, — während dieser selben Zeit nahm die Ausbreitung deutscher Sprache, Sitte und ^
Macht nach Osten einen Aufschwung, gegen welchen die früheren oft fehlgeschlagenen und wieder- ^
holten Anstrengungen in dieser Richtung (S. 174, 201 ff.) als schüchterne Anfänge erscheinen.
Ohne Zuthun des hinsiechenden Reiches setzten andere Kräfte das Begonnene fort, nament-lich seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Das deutsche Volk selbst war es, das durchseine Ansiedelungen die Landschaften, welche ihm einst während der Völkerwanderung entrissen,wieder zu deutschen Landen machte und ihnen die Segnungen der Civilisation verlieh. Berg-bau, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe, Rechtssicherheit, Schulen, — alles das wurde inSchlesien, in der Mark, in Mecklenburg und Pommern, später auch im fernen Preußen, durchfriedliche deutsche Einwanderer eingeführt. Namentlich die schlesischen Herzoge polnischenStammes, die von deutschfreundlicher Gesinnung und deutscher Kultur waren, später auch deutschsprachen, beriefen und bevorzugten deutsche Ritter, Bürger und Priester, die weite Wälderrodeten, Sümpfe trocken legten, Straßen, Dörfer und Städte bauten. Schlesiens deutschenStädten ist ein einheitlicher Plan gemeinsam; ihre Anlage geht aus von dem Marktplatz, demsogenannten Ring, in dessen Mitte das Rathaus sich erhebt. Diese Städte, so Breslau nachseiner Zerstörung durch die Mongolen im Jahre 1261, erhielten bedeutende Freiheiten undzwar auf lange Zeit hinaus nach dem Muster Magdeburgs; die Bauern dagegen fielen inimmer größere Abhängigkeit von den Gutsherren, wie im älteren Reiche und in Westeuropaüberhaupt. Die slawische Zunge verschwand in Schlesien, bis auf wenige abgelegene Grenz-gegenden, während sie in Böhmen und Mähren zähen Widerstand leistete, aber auch dort vondeutschen Ansiedlern eingeengt wurde, bis die Husiten diesem Vorgehen Halt geboten. Durchzähe Beharrlichkeit ist der Hauptteil Schlesiens diesen! Schicksale entgangen, so wild auch die H
Husiten hier hausten (S. 422). Ob sie damit die Blüte des Landes auf Jahrhunderte hinausknickten, ob auch vom fünfzehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert Tschechisch die amtliche