42 Viertes Buch. III. Kunst und Litteratur der Reformationszeit.
Fastnachtsspiele „Vom Papst und seiner Priesterschaft", das gewöhnlich „Der Totenfresser"genannt wird, geißelte er die Totenmessen als Einnahmequelle der Geistlichkeit und wies an denWürdenträgern der Kirche, vom Papste bis zum Bettelmönche herab, die Verdorbenheit ihresTreibens nach. In einem kleineren Stücke ließ er zwei Bauern Vergleichungen anstellen zwischendem demütig zu Esel einherreitenden, von den armen Jüngern, Blinden und Lahmen begleitetenChristus und dem in Pracht und Glanz hoch zu Roß stolzierenden, von Kardinälen und Bischöfengefolgten Papste. Der „Ablaßkrämer" ist der Titel eines noch stärker gehaltenen Stückes.Nicht für die Bühne bestimmt war der Dialog von der „Krankheit der Messe", welcher vonallen Kritikern als die bedeutendste Satire der Reformationszeit anerkannt wird. Mehr humo-ristischen Inhalts ist das „Testament der Messe". Als bestes seiner Stücke ist aber das tendenz-iöse, aus dem Volksleben gegriffene „Elsli Tragdenknaben", welches die Bekehrung einer losenPerson zum ehelichen Leben behandelt und in eine neue Geschmacksrichtung hinüberleitet, anzusehen.In Zürich erhielt Manuel einen Nachahmer in Utz Eckstein, einem Geistlichen und Vertrauens-mann Zwinglis, der aber ohne dramatische Anlage war, die dagegen Zwinglis Nachfolger,Heinrich Bullinger (1504—1575), welcher auch eine Geschichte der Eidgenossenschaft und eineReformationsgeschichte der Stadt Zürich verfaßte, in der von ihm gedichteten „Lucretia" bekundet.
Den nämlichen volkstümlichen und derben Ton wie die Dichter der Reformation schlugenauch die litterarischen Gegner derselben an, unter denen indessen nur einer, der schon erwähnteFranziskaner Thomas Murner (I. S. 449) erwähnenswert ist. In seinem bedeutendsten Ge-dichte „von dem großen Lutherischen Narren, wie ihn Dr. Murner beschworen hat", schleuderteer (1522) der neuen Richtung ein gewichtiges Geschoß entgegen und ließ mit seltenem Geschickekeine Blöße unbenutzt, welche die Vorkämpfer der Reformation sich gaben. Auch in diesemBuche, so derb es auftritt, hielt Murner seinen Standpunkt fest, die kirchlichen Schäden undÜbel zu bekämpfen, ohne die Kirche zu zerstören, und es kann nicht geleugnet werden, daß erdiesen Gedanken mit Geist und Glück durchgeführt hat. Er behandelt den Kampf, welchen die„wahre" Kirche führt, um der „falschen" die von ihr geraubten Banner des Evangeliums,der Freiheit und der Wahrheit wieder abzunehmen. Das Tendenzgedicht hat echten PoetischenGehalt und es liegt so viel ideale Überzeugung darin, daß nicht zu begreifen ist, wie derselbeVerfasser ein so anstands- und witzloses Produkt wie den gegen Zwingli gerichteten „Ketzer-kalender" erscheinen lassen konnte, in welchem er den Protestanten die unflätigsten Dinge vorwarf,die Frauen der Geistlichen mit Schimpf überhäufte und die Ketzer „im Rauche zum Teufel zusenden" wünschte. Wie sich indessen Murner darein fand, daß die von ihm verherrlichterömische Kirche sein Ideal ihrer Reform ebenso verwarf, wie das der Gegner, ist nicht bekannt.Zu spät erst ist in Rom das Wort „Reform" ausgesprochen worden; wie dieselbe ausfiel undwie sehr ihre Gestaltung die Kirchentrennung rechtfertigte, wird der nächste Abschnitt zeigen.
Astronom und Architekt.
Holzschnitte von Hans Sobald Beham(?) auf dem Titel des Buchesvon Johann Stöffler „Bon Künstlicher Abmessung aller grosse..;Frankfurt a. M. 1S3S gedruckt von Christoph Egenolph.