Band 
Zweiter Band.
Seite
48
JPEG-Download
 

48

Viertes Buch. IV. Die Gegenreformation.

beibrachte, welcher dann kein wirklicher Sieg auf türkischer Seite mehr folgte. Der Halbmondwuchs von da an nicht mehr, bis er, freilich erst mehr als ein Jahrhundert später, in den

denkwürdigen Tagen vor Wien und in Ungarn abzunehmen begann.

Im Inneren des Reiches lebte das totgeglaubte Raubrittertum wieder auf. Einer dergefährlichsten dieser Wegelagerer, Wilhelm von Grumbach, verleitete in Gotha den beschränkten,eiteln und abergläubischen Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen nicht nur zu demPlane, den Kurhut wiederzugewinnen, sondern auch zu dem Versuche, mit französischer, schwe-discher, niederländischer 'und sogar türkischer Hilfe zum Kaiserthron emporzusteigen. Aber derHerzog fiel in die Acht des Kaisers; der zunächst bedrohte Kurfürst August (Moritzens Bruderund Nachfolger) vollzog dieselbe (1567) und siegte mit leichter Mühe. Grumbach wurde grau-sam hingerichtet, der Herzog aber bis zu seinem Tode gefangen gehalten. Seine Gattin,

Elisabeth von der Pfalz, teilte seine Haft und starb darin ein Jahr vor ihm (1594).

Ein Kaiser wie Max II. entsprach den Hoffnungen noch nicht, welche die römische Kircheauf die völlige Rückeroberung Deutschlands setzte; er widersprach denselben sowohl durch seineSchwäche und Unzuverlässigkeit, als durch eine religiöse Toleranz, die er bisweilen, keineswegsaber immer übte. Entgegen seinem unterwürfigen Vater, war er nicht geneigt, das Konzilanzuerkennen, welches als Ziel die Bekehrung Deutschlands ebenso sehr verfolgte, wie derJesuitenorden, welcher immer kampflustiger auftrat. Diese Gesellschaft, deren Beurteilungbei ihren Freunden wie Feinden wohl für immer eine feststehende ist, deren Organisation aberals eine bewunderungswürdige anerkannt werden muß (S. 44), betrat schon seit 1540, inspanischen, italienischen und französischen Gliedern, indes noch schüchtern und vorsichtig, dendeutschen Boden. Gerne aufgenommen von dem Augsburger Bischof Otto Truchseß und demgreisen Albrecht von Brandenburg in Mainz, begrüßt von den Herrschern Österreichs undBaierns, gründeten die Jesuiten im ersten Jahre der zweiten Hälfte des Reformationsjahr-hunderts ihre erste deutsche Niederlassung in Wien. Binnen wenigen Jahren folgten weitere,durch die nicht nur alle österreichischen Erblande, sondern auch Baiern, Schwaben, Frankenund das Rheinland umspannt wurden. Die Hochschule von Jngolstadt wurde der Mittel-punkt ihrer äußerlich glänzenden, innerlich aber leeren und hohlen Schulwissenschaft, von welcherallerdings die Werke vieler ihrer gelehrten Mitglieder durch ihre Gründlichkeit abstachen. Nebendem durchaus Protestantisch gewordenen deutschen Schulwesen erhob sich nun das jesuitische.Sogar Protestanten ließen sich blenden und sandten den Jesuiten ihre Söhne. Überall, wo sieBoden faßten, führten sie sofort den ganzen damals beinahe vergessenen mittelalterlichen Apparatder Reliquien, Rosenkränze, Fastengebote und Wallfahrten wieder ein, und mit ihnen hielt einfremder, »»deutscher Geist auf germanischer Erde seinen Einzug.

Ihr erster Bekehrter von Rang war jener Albrecht V. von Baiern, der einst seinenGlauben hatte verspielen wollen. Er sandte die Jesuiten als geistliche und seine zum Eid ausden römischen Glauben gezwungenen Beamten als weltliche Soldateska unter die Protestanten,welche aus dem Lande gejagt wurden, sofern sie sich nicht bekehrten. Fast alle wohlhabendenEinwohner verließen vor diesem Zwange München, wo Elend und Bettel überhand nahmen.Die auf den Index gesetzten und sämtliche von Protestanten verfaßten Bücher, sogar Grammatiken,wurden überall verbrannt und dagegen die der Jesuiten verbreitet; die alten Klassiker wurdenentfernt und dafür die Kirchenväter eingeführt. Seinen Mündel Philipp, den Sohn des inFrankreich in den Reihen der Hugenotten gefallenen Markgrafen Philibert von Baden-Baden,ließ Herzog Albrecht V. katholisch erziehen und dessen Land durch die Jesuiten bekehren.

Der bedeutendste in Deutschland wirkende Kopf des Ordens war der Niederländer Canisius(eigentlich de Hondt), der erste Vorsteher der jesuitischen Provinz „Germanien" und Übersetzerdes die Konzilsbeschlüffe von Trient zusammenfassenden „römischen Katechismus", welcher denlutherischen ersetzen sollte. Es war kein finsterer mittelalterlicher Geist, der aus diesem Buchesprach. Das Werk rechnete mit der neuen Zeit, der sich die Jesuiten überall anzuschmiegenverstanden. Sie wußten das Mittelalter der neuen Generation so genießbar zu machen, daßman es nicht mehr erkannte, und daß der erneuerte Katholizismus sogar freisinniger aussah,als die damalige beschränkte lutherische oder calvinische Orthodoxie. Gregor XIII., der die