Der Calvinismus in der Schweiz. Streitigkeiten unter den Protestanten. 55
zusammen, auf dessen Urteil der Antitrinitarier Johann Sylvan, der sich freilich soweit vergessenhatte, in den blutigen Türken seine Glaubensgenossen zu suchen, enthauptet wurde, währendsein Mitverfolgter Adam Neuser fliehen konnte und in der That zum Islam übertrat. Drei-zehn Jahre waltete dieses Regiment, dann kam Friedrichs Sohn Ludwig VI., welcher Lutheranerwar, zur Regierung und bewirkte den umgekehrten Gang der Sache. Er vertrieb fünf- bissechshundert calvinische Prediger und Lehrer und zahllose gleichgesinnte Laien, ließ Altäre undBilder wieder aufrichten, und die Pfalz mußte lutherisch werden, wenn dies auch nicht geradeim einseitigsten Grade durchgeführt wurde. Aber schon sieben Jahre später erhob der energischePfalzgraf Johann Kasimir als Vormund des minderjährigen Friedrich IV. den Calvinismuswiederum zur herrschenden Glaubensform, schritt aber gegen die lutherischen Geistlichen erstein, als sie widersetzlich auftraten. Unter solchen fürstlichen Launen verloren die Unterthanenallen Halt im Glauben wie im Handeln.
Ähnliches geschah in Sachsen. Kurfürst August (S. 48) war mehr an der Hegemonieseines Hauses über die deutschen Protestanten und an dem guten Einvernehmen mit dem Kaisergelegen, als an konfessionellen Einzelheiten. Er hatte auch bis dahin die vermittelnde melanch-thonische Richtung begünstigt. Durch den Einfluß seiner Gattin Anna und seines HofpredigersLiftenius wurde er im Jahre 1573 zum eifrigen Lutheraner und vertrieb zur großen Freudedes Kaisers die „Kryptocalvinisten". Ihr Führer, der Kanzler Craco (Cracau) wurde inLeipzig öffentlich durchgepeitscht und in der Pleißenburg zu Tode gefoltert; der HofpredigerStößel wurde gefangen gesetzt und starb im Wahnsinn; Kaspar Peucer mußte zwölf langeJahre im Kerker schmachten, während dessen seine Gattin, Melanchthons Tochter, aus demLeben schied. Indessen erließ August unter der Leitung des Tübinger Kanzlers Jakob Andreädie angeblich rein lutherische, aber mehr antimelanchthonianische Konkordienformel oder das„torgische Buch". Von den übrigen protestantischen Staaten wurde dieselbe aber, teils alsnicht genug, teils als allzu lutherisch, verworfen. Deshalb ließ Kurfürst August (1577) imKloster Bergen bei Magdeburg eine Umarbeitung beraten und vornehmen, die nun in Sachsenund Brandenburg als „bergisches Buch" mit Hochdruck eingeführt wurde. Auch in den meistenübrigen protestantischen Staaten fand sie Aufnahme; in Hessen, Anhalt und der Pfalz aber,sowie in der öffentlichen Meinung erfuhr sie entschiedene, ja die derbste Ablehnung; erst 1580wurde das Werk veröffentlicht.
Schon im Jahre 1581 stellten ihm die Calviniften die „Bekenntnisharmonie" gegenüber,während die orthodoxen Lutheraner offen bekannten, dem Papsttum näher zu stehen, als ihrenprotestantischen Gegnern.
Im Februar 1586 starb Kurfürst August; fein Sohn Christian I. folgte ihm. DieserRegierungswechsel erlangte für das evangelische Deutschland eine ähnliche Bedeutung wie derin der Pfalz bei Ludwigs VI. Tode. Der neue sächsische Kurfürst nahm kein sonderlich tiefesInteresse an den kirchlichen Streitfragen; er war eine wohlwollende Natur und von demWunsche erfüllt, die Spaltung zu beseitigen, welche die Konkordienformel in die evangelischeChristenheit hineingetragen hatte. Christian 1. berief den Hofrat Nikolaus Crell als CracosNachfolger in die Leitung der inneren und äußeren Angelegenheiten des Landes. In dieserStellung schützte Crell die Verfolgten, erließ duldsame Verordnungen, strebte die Einigkeit allerProtestanten an, verbot den Geistlichen alles dogmatische Gezänk, sowie die Teufelsbeschwörungbei der Taufe und brachte die Richtung Melanchthons zur obersten Geltung. Aber schon 1591starb Christian I. Mit feinem Nachfolger trat wieder auf Grund des unseligen Ouins rexio,eins röliZio (S. 28) ein jäher Umschlag ein. Das erste Opfer war der Kanzler Crell selbst,der, als Calvinist verschrieen, schon am Tage vor dem feierlichen Leichenbegängnis feinesHingeschiedenen Fürsten plötzlich verhaftet und in Anklagezustand versetzt wurde. Zehn Jahrewährte sein Prozeß, während dessen er, einem Verbrecher gleich im Kerker gehalten wurde.Dann trat der albertinische Kurfürst Christian II. die Regierung an, der alsbald den unglück-lichen Mann das Schafott besteigen ließ. Nachdem ftrenglutherische Geistliche umsonst seineBekehrung versucht, fiel am 9. Oktober 1601 auf dem Marktplatze in Dresden fein Hauptunter dem Streiche des Scharfrichters. Ähnliches Schicksal erlitt in Braunschweig der Bürger-