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Zweiter Band.
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68 Viertes Buch. V. Aberglaube, Justizbarbarei und Regentenwillkür.

Nichts gewährte Schutz vor diesem Schicksale. Schönheit und Reichtum waren Geschenke desTeufels, — Häßlichkeit und Armut kennzeichneten die richtige Hexe! Viele Leute ließen sich vonden ruchlosen Angebern jährlich brandschatzen, um der Gefahr verbrannt zu werden zu entgehen;selbst bischöfliche Beamte nahmen für Lossprechungen Geld an. Schauderhaft waren die Kerker,in welche die Unglücklichen geworfen wurden, so z. B. der Hexenturm zu Lindheim in Hessen;jeder ordentliche Gerichtsort jener blutigen Zeit mußte einen Hexen-, einen Ketzer- und einenJudenturm haben, welche jedoch oft vereinigt waren; derselbe war Gefängnis, Folterkammer undBrandplatz zugleich. Die Zellen der Eingekerkerten bestanden aus engen dunkeln Löchern, etwamit einer schmalen Lichtöffnung zwischen den Steinen, verschlossen von dicken hölzernen, mit Nageln

und Eisen beschlagenen Thüren; Ringeund Halseisen waren in die feuchten Mauerneingelassen; Ketten an schweren Stein-blöcken befestigt, an welche die Gefangenenangeschlossen wurden. Noch in unseremJahrhundert fand man dort „verbranntemenschliche Gebeine"! Bei keinem wirk-lichen Verbrechen wurde die Folter so häufigwie bei diesem eingebildeten des Hexen-werkcs angewendet. Durch sie wurden dieunseligen Geständnisse erpreßt, die in Angstund Qual und in völliger Geistesverwirrung,oder auch infolge von Träumen, welche dermartervolle Zustand der armen Opfer er-zeugte, von ihrem angeblichen Verkehr mitTeufeln abgelegt wurden —falsche Geständ-nisse, durch welche die voreingenommenenRichter in ihrem unmenschlichen Verfahren be-stärkt wurden. Die Armen mit ihren Klagenschaffte man sich damit vom Halse, und mitdeni Nachlasse der Reichen füllten die Richterihren Säckel. Erhielten doch die Inquisitorennach dem Zeugnisse des einzig in seiner Artdastehenden Jesuiten Spee, welcher zuerst inDeutschland gegen den Hexenglauben an-kämpfte und ihm einen ersten Bruch bei-brachte, für jede verurteilte „Hexe" vierbis fünf Thaler. Kleider, Pferde und Wagender Verbrannten fielen den Henkern undderen Angehörigen anheim. Der Nachrichtervon Coesfeld in Westfalen erhielt in einemhalben Jahre 169 Reichsthaler für Hexen-brände; in Schäsburg in Siebenbürgen wurde der Henker mit einem Gulden für jede „Hexe" bezahlt.

Sehr merkwürdig erscheinen die Hexenprozesse im Zusammenhang mit den großen Ereignissendes sechzehnten Jahrhunderts. Während des Auftretens und der Verbreitung der Reformationruhten jene Verfolgungen beinahe ganz; die religiösen Streitigkeiten wandten das öffentlicheInteresse von ihnen ab. Ganz anders verhielt es sich in der Periode der Gegenreformation.Es ist nachgewiesen, daß dieselbe nicht nur zugleich die Zeit der zahlreichsten Hexenbrändewar, sondern daß diese auch dort am meisten wüteten, wo mit Hilfe der Jesuiten die Re-formation beseitigt wurde. Die Hexerei wurde nämlich mit der Ketzerei in Verbindung ge-bracht, und eine Menge Protestanten wurden unter dem Vorwande des angeblichen Verbrechensder Hexerei aus dem Wege geschafft. Im Kurfürstentum Trier wurden in den Jahren1587—1593 in 27 Dörfern 368 Personen, darunter Geistliche, Ärzte, Beamte, in zwei Dörfern

Hexe auf einem Bock zum Hexensabbat reitend; in derrechten Hand eine Spindel.

Faksimile des Kupferstiches von Albrecht Dürer.