Die spanische Inquisition in den Niederlanden. Wilhelm von Oranien. 115
niederländischen Aufstandes war daher ein dreifacher: ein protestantischer, ein patriotischerund ein republikanischer; alle drei Elemente wurzelten in der alten freiständischen Verfassungder niederländischen Provinzen.
Im Anfange der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts war zwar noch kaum einDrittel der Niederländer protestantisch und unter diesen wieder nur ein Drittel calvinistisch.Aber es ist bezeichnend, daß das Luthertum von dem in der Minderheit befindlichen Calvinismusnach und nach aufgesogen wurde. Diese Richtung war, solange sie noch ihren ursprünglichenCharakter trug und die Menschheit noch Sinn für Dogmen hatte, gerade die rechte Glaubens-sorm für Republikaner: denn der Calvinismus anerkannte keine andere als eine ideale Autoritätund verwarf nicht nur die Diktatur des Papsttums, sondern auch den von Luther gepredigtenblinden Gehorsam gegen die weltliche Obrigkeit.
Die Erbitterung der Niederländer gegen die spanische Gewaltherrschaft entquoll dem brutalenAuftreten der von Madrid aus angeordneten Inquisition, die zwar schon unter Karl V. be-standen hatte, aber von Philipp zur Bekämpfung der zunehmenden Ketzerei durch Vermehrungder Bistümer von drei auf achtzehn verstärkt wurde. Der Unterinquisitor Titelman, von denChroniken seiner Zeit ein „blutgieriger Teufel" genannt, durchzog Tag und Nacht zu Pferdedas Land, schlug die zitternden Landleute mit einem Knüppel auf den Kopf, riß ihm Verdächtigeaus dem Bette, warf sie in die Kerker, folterte und verbrannte sie; einen armen Schulmeisterließ er erdrosseln und ins Feuer werfen, weil er in der Bibel gelesen hatte; ein Teppichweberaus Doornik wurde verbrannt, weil er geistliche Lieder aus einem in Gens gedruckten Bucheabgeschrieben hatte; ein Wiedertäufer wurde durch sieben Hiebe mit einem verrosteten Schwertegetötet, in Gegenwart seiner Frau, die vor Entsetzen starb; ein Mann in Ryssel wurde mitFrau und zwei Söhnen niedergemacht, weil sie die Messe nicht besuchten. Dieser Wüterich wurdevon Philipp II. öffentlich belobt und zur Fortsetzung seines Treibens ermähnt. Mußten schonLeute brennen, welche vor der Hostie nicht niederknieten, um wie viel mehr solche, welche ihrenwunderthätigen und göttlichen Charakter leugneten! Die Verfolgten duldeten das Martyriumnicht nur ohne Widerstand, sondern suchten es sogar, ja sie forderten die Gewalthaber heraus,sie um ihres Glaubens willen umzubringen. König Philipp selbst sagte wohlgefällig, die Jnqui-
> sition in den Niederlanden sei grausamer, als die in Spanien. Daß sie es war, dafür sorgtedes Königs rechte Hand in Belgien, der geistvolle, aber herzlose, ehr- und habsüchtige KardinalAnton Perrenot, Herr von Granvella, Erzbischof von Mecheln, der zwar als Anhänger derspanischen Staatskirche in Rom nicht beliebt war. Seiner bigotten Scheinherrin Margarctavon Parma, einer natürlichen Schwester Philipps II., die dieser zur Statthälterin eingesetzthatte, ging das Wüten des Kardinals nicht zu weit; war sie doch ein Beichtkind Loyolas.
Nun war aber weder das Volk noch der Adel von jener Resignation einzelner Schwärmerbeseelt. Sie verzögerten die. Einsetzung der neuen Bischöfe, verlangten und erreichten die Ent-fernung der spanischen Truppen und endlich auch die des Kardinals Granvella. Schwerlichaber wäre die Bewegung viel weiter gediehen, wenn sich nicht ein Charakter an ihre Spitzegestellt hätte, der zu den edelsten Kämpen der Freiheit zählt; ein Deutscher, der mit denVolkshelden der griechischen und römischen Geschichte verglichen werden darf: Wilhelm vonNassau (geb. 1533 zu Dillenburg in Nassau), der durch Beerbung eines Vetters Fürst von-Oranien in Südfrankrcich wurde. Seine Eltern waren eifrig lutherisch gesinnt, hatten ihnaber Karl V. als Pagen übergeben, der ihn katholisch erziehen ließ. Wilhelm erwarb sich desKaisers Gefallen, wurde von ihm außerordentlich bevorzugt, gelangte dadurch sehr früh zu einerbedeutenden politischen Ausbildung und wurde schon 1555 mit dem Oberbefehl in den Nieder-landen betraut, sowie zum Statthalter der Provinzen Holland, Seeland und Utrecht ernannt.Mit Philipp II. war Wilhelm zerfallen; des Königs offenkundiges Mißtrauen stand zwischenihnen. So kam es, daß nach der Abdankung Karls V. Wilhelm von Nassau eine unabhängige
> Stellung neben König Philipp erstrebte und den Sturz der brutalen spanischen Gewaltherrschaftin den Niederlanden zu seinem Ziele machte. Vorsichtig mußte er dabei zu Werke gehen, schlauund berechnend, selbst zweideutig. Der aber ist trotzdem ein großer Mann, der das auf solchenWegen Errungene zum Besten des Vaterlandes zu wenden weiß. Und das hat Wilhelm gethan,
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