116 Viertes Buch. VII. Die Befreiung der Niederlande.
mit steter Ausübung der höchsten Humanität und Toleranz, ohne sür sich anderes zu ernten,als den Tod von Meuchlerhand (1584). Kein anderer der hochadligen Teilnehmer am Ausständeläßt sich von ferne mit ihm vergleichen, am wenigsten der nur durch seinen Tod bedeutende, inkeiner Weise durch festen Charakter und staatsmännische Eigenschaften hervorragende Egmont.
Der niederländische Adel taugte überhaupt wenig. Zumeist suchte er seine Befriedigungin ausschweifendem Leben; selbst seine Frauen ergaben sich vielfach dem Trunke und der Un-treue. Viele seiner Glieder hielten es mit der Reformation nur, um sich durch Kloster- undKirchengüter bereichern zu können; viele bethätigten den neuen Glauben nur durch Spott überdas Heilige, während andererseits das Verharren in der alten Kirche bei wenigen Gewissens-sache war. Daher war es ebenso häufig, daß an einer Religionspartei Verrat geübt oderAbfall durch Bestechung herbeigeführt wurde; selbst der beste seines Standes, Wilhelm vonUranien, betrachtete die Religion hauptsächlich als politisches Motiv. Da demzufolge der Adelsich keine Achtung bei der Bevölkerung zu verschaffen verstand, so nahm das Volk, soweit esden energischen calvinischen Geistlichen anhing, die Sache des Vaterlandes in die Hand;naturgemäß und folgerichtig wurde dadurch die niederländische Bewegung zu einer durchausdemokratischen. Was das Volk zum Widerstände gegen die spanische Tyrannei aufbrachte, wardurchaus ehrenhaft, nämlich das Einstehen für die verletzten alten Rechte der Stände, dieEmpörung über den auch nach Granvellas Abschied schamlos fortdauernden Ämterschacher, andem sich selbst Margaret« beteiligte, und die Entrüstung über das Wüten der Inquisition undüber den Martertod der Protestanten. Anders als der Adel wußte das Volk, was es wollte;zwar ließen sich die niedersten Klassen zu den gräßlichen Scenen des „Bildersturmes" (1566)oder vielmehr der Kirchenzerstörung hinreißen; doch blieb die große Mehrheit des Volkesdiesen Gewaltthaten des Pöbels fremd. Endlich aber ist die Mäßigung und Umsicht derNiederländer, wie auch ihre Ausdauer im tiefsten Unglück mit Erfolg gekrönt worden. Derbefreite Norden ihres Landes erreichte eine hohe Blüte, während der Süden, welcher unter derGewalt der Inquisition blieb oder unter sie zurückfiel und sowohl politische als religiöse Frei-heit verlor, seine mittelalterliche Herrlichkeit in Handel und Gewerben, den Reichtum von Ant-werpen, Gent und Brügge sür immer begraben mußte. Denn die Spanier, die das Landnie zu beurteilen verstanden und von ihm gehaßt sein wollten, ruinierten es durch ihrenFanatismus ebenso, wie ihre Regenten ihr eigenes Reich zu Grunde richteten. Wo alles durchden unter Mord und Brand herrschenden spanischen Druck verarmt war, wo niemand vor demScheiterhaufen geschützt war, dem jeder, auch der Gläubigste, als verdächtig anheimfallenkonnte — welcher Kaufmann mochte da noch verkehren?
In Belgien wurde der Widerstand gegen Spanien durch den Schrecken erdrückt. AufJahrhunderte hinaus ist es niedergeworfen worden durch Albas scheußlichen Blutrat, der indrei Monaten 1800 Todesurteile fällte, vor dem 100000 der besten Einwohner das Landflohen und über dessen Wüten der blutige Herzog nicht vergaß, das Land auch in ökonomischerBeziehung auszusaugen. Mit dem weichen wallonischen Element des Südens mußte aber auchdas kräftigere flämische unterliegen, während das friesische im Norden sich die Freiheit er-kämpfte. Ohne einen so fanatisch festen und dämonischen Gegner wie Spanien hätten diegesamten Niederlande ein ebenso freies und ebenso vorwiegend germanisches Edelreis vomBaume des alten deutschen Reiches werden können wie die Schweiz. Wurde schon der hol-ländische Rumpf so groß wie er geworden ist, wie viel mehr wäre aus dem Ganzen geworden?
In einer Zeit, welche äußerlich alles der Religion unterordnete, innerlich aber auch diese demnackten materiellen Interesse dienstbar machte — in Verhältnissen, unter denen es möglich war,daß Egmonts Söhne dem Tyrannen, der ihren Vater rechtlos gemordet, freiwillig dienten, — inZuständen, unter denen der Despot dem Sohne Oraniens die konfiszierten Güter seines Vatersanbot, wenn er den Hinterlassenen seines Mörders, denen sie als Blutlohn überwiesen waren, einejährliche Pension von 18000 Gulden zahlen wolle, -— in solcher Zeit und solchen Verhältnissen,wo selbst die angeblichen Verteidiger der Religion die kindliche Pietät nicht hochhielten, war eseine schwere Ausgabe, ein freies Staatswesen zu gründen. Und es sind auch nicht die, obschonvorhandenen, republikanischen Tugenden, sondern es ist der Fanatismus, welcher die Freiheit