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Viertes Buch. VII. Die Befreiung der Niederlande.
wackeren Gattin, die in einer Bücherküste verborgen sich in sein Gefängnis schaffen ließ, dortin den Kleidern ihres Mannes verblieb, während nunmehr de Groot in der Kiste versteckthinausgetragen wurde und sich in Sicherheit brachte. Wohl war der niederländische Staat nochein unfertiger und in sich nicht abgeklärt; Wohl waren weder die Grenzen zwischen Unitarismusund Föderalismus, noch die zwischen monarchischer und republikanischer Gewalt festgestellt. Aberer stand auf dem alten felsenfesten Boden germanischer Volks- und Gaufreiheit. Da derCalvinismus, wenigstens in seiner strengen Richtung, meist nur in den Städten überwog undin diesen jene Volksfreiheit den reinsten Ausdruck fand, so waren die Städte die Häupter.Da aber der fortdauernde Kriegszustand eine stramme Ordnung erheischte, so waren die Räteder Städte die eigentlichen Regenten des Landes, das daher einer vielköpfigen, oft genug untersich uneinigen Diktatur gehorchte. Es befand sich aber nicht schlecht dabei; selbst die politischrechtlosen Nichtcalvinisten und Landleute hatten ihre sozialen Rechte; auf den Äckern des Bauernjagte kein Edelmann und niemand durfte sich dies erlauben. Dabei herrschte im Lande fürPerson und Eigentum eine Sicherheit, welcher sich Paris und London nicht rühmen konnten,und ebenso eine Sittenreinheit, wie sie in keinem anderen Lande zu finden war, namentlich nichtin Spanien, das seinen abgefallenen Unterthanen stets als abschreckendes Beispiel diente. Un-beschränkte Preßfreiheit bestand; was im übrigen Europa nicht gedruckt werden durfte, fand inHolland - ungestörte Veröffentlichung. Selbst die Zustände des Landes konnten in Wort undBild frei kritisiert werden, wenn es nur nicht am Orte der Betroffenen geschah, sondern da,wo man mit denselben nicht auf bestem Fuße stand. Daher wäre das Zusammenhalten deskleinen Staatenbundes geradezu ein Wunder gewesen, wenn nicht die innere Uneinigkeit durchPatriotismus und Energie gegen außen in den Hintergrund gedrängt worden wäre.
Diese beiden bedeutsamen Elemente in der Natur des niederländischen Volkes wurdengetragen und gestützt durch das kaufmännische Glück, welches infolge des spanischen Druckes unddes Widerstandes gegen denselben vom belgischen Süden nach dem batavischen Norden gewandertwar. Der Fang des viel begehrten Herings und der Handel mit Getreide, das die Holländervon den Ostseeküsten bezogen, waren die Grundlagen dieses Glückes, durch welches die Nieder-lande die Hansa in den Schatten stellten und schießlich das meiste zu ihrem Verschwinden vomSchauplatze der Geschichte beitrugen. Amsterdam, Rotterdam, Leiden und Harlem wurden, waseinst Antwerpen, Gent und Brügge gewesen; die holländische Leinwand erwarb sich den gleichenWeltruhm, wie die holländische Reinlichkeit; wo die Holländer Handel trieben, konnte keineandere Nation neben ihnen bestehen. Was das hereinbrechende Meer dem Lande einst entrissen,rang ihm das rührige Volk durch aufgeworfene Schutzdämme wieder ab und ließ den ehemalsvon der Salzflut überspülten Boden durch zahlreiche Rinderherden beweiden, welche den be-währten holländischen Käse lieferten. Kein Zoll bedrückte diese Handelsblüte; neben anderenErrungenschaften der Neuzeit hat Holland auch dem Freihandel das Leben gegeben, durch denes die Handelsleute von anderen Ländern ablenkte und nach seinen Küsten hinzog. Wohlerwuchsen ihm daraus Kämpfe mit eifersüchtigen Mächten, namentlich mit England; daranaber, wie in dem Vernichtungskriege gegen die Seeräuber von Dünkirchen, erstarkten dieNiederländer zur ersten Seemacht des siebzehnten Jahrhunderts. Ihre Fahrten nach Rußlandund der Türkei genügten ihnen nicht mehr; bald war der Name der wunderbaren kleinenRepublik in West- und Ostindien geachtet und im letzteren errang ihr Unternehmungsgeist einReich von der Größe des halben Europa. Der erste Versuch einer Nordostdurchfahrt umSibirien ging von den Niederlanden aus.
Und diese Holländer, wie man schon damals nach der wichtigsten Provinz alle Angehörigender freien Niederlande hieß, waren nicht etwa bloße Krämerseelen. Im Gebiete der Wohlthätig-keit leisteten sie Großartiges. Überall war, nach dem Berichte eines Reisenden von 1612,„für Arme und Kranke, Greise und Waisen vortrefflich gesorgt", und in so herrlichen Ge-bäuden, daß man nicht wußte, ob man sie Kirchen oder Paläste nennen sollte. In höchstemAnsehen stand bei diesem Volke das Geistesleben; es gehörte zu seinen ersten Sorgen. Schon amWerke der Befreiung arbeiteten Männer von ausgezeichneter geistiger Begabung und Bildung.Wilhelms von Oranien bedeutendster Gehilfe war Philipp von Marnix, Herr von St. Aldegonde