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Zweiter Band.
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Viertes Buch. VII. Die Befreiung der Niederlande.

und berechtigt zu der Frage, ob jemals in so kurzer Periode, auf einem so engen Raume undauf so vielerlei Gebieten gleich Bedeutendes geleistet worden ist. Wie der moderne Staat unddie moderne Wissenschaft, so ist auch die moderne Kunst an den Mündungen des Rheins geboren.

Die niederländische Malerei, deren Blütezeit in die erste Hälfte des siebzehnten Jahr-hunderts fiel, und an welcher Angehörige der spanischen wie der freien Niederlande, aberlediglich Niederdeutsche teilnahmen, hat einen durchaus anderen Charakter als die Kunst derRenaissance. Sie wendet sich in keiner Weise zur Vergangenheit zurück, sondern blickt in die Zu-kunft voraus. Es ist eine durch und durch realistische, teilweise sogar derb naturalistische Auf-fassung des wirklichen Daseins, nicht die Phantasiereiche Aufsuchung eines idealen Lebens, die ausden belgisch-batavischen Malern spricht. Sie steht völlig im Diesseit, träumt nicht vom Jenseit.Selbst der katholische, wenn auch innerlich aufgeklärte und jesuitenfeindliche Peter Paul Rubens(1577—1640), der zahlreiche religiöse Bilder malte, arbeitete mit weit höherer Begeisterungan seinen farbenglühenden Darstellungen mythologischer Stoffe und sein Schüler Anton van Dyck(1599—1641) widmete sich mit Vorliebe der Bildnismalerei. Die Lebensverhältnisse beiderMeister waren die glänzendsten. Sie wurden von den Fürsten ihrer Zeit reichlich beschäftigt,an die Höfe gezogen und mit Ruhm, Ehren und Reichtümern überhäuft, mit diplomatischenSendungen betraut; ihr Leben teilte sich zwischen ihrer Heimat, Italien, Frankreich, Englandund Spanien. Die Bewunderung als größtes und eigenartigstes Kunstgcnie der Niederlande abergebührt dem ihrem freien Teile entstammenden Rembrandt Harmenszoon, genannt van Ryn(1607—1669). Sein künstlerisches Streben war durchaus auf das Wahre, nicht auf dasSchöne, und auf den Reiz der malerischen Wirkung gerichtet, die er besonders durch seineaußerordentliche Beherrschung des Helldunkels erreichte. Selbständigkeit, Kraft und tiefes Gemütsprechen aus allen seinen Schöpfungen, den Gemälden sowohl wie den zahlreichen Radierungenund Zeichnungen. Biblische wie historische Stoffe, Porträt, Genre und Landschaft lagen indem Kreise seines reichen Schaffens, das ihm schnell Ruhm und Vermögen eintrug. Jener istihm für alle Zeiten geblieben, dieses verlor er wieder, weil er sich durch seine leidenschaftlicheKunstliebhaberei Schulden aufgeladen hatte, die zu decken er seinen ganzen Besitz wieder ver-kaufen mußte. Dabei war er hoch gebildet und bewegte sich im Leben mit Uneigennützigkeitund Würde. „Seine Kunst ist keine Erdichtung phantastischer Traumgebilde, keine Hervor-zauberung einer übernatürlichen Welt, auch keine sklavische Nachahmung der bloßen Natur, sonderneine freie Schöpfung, eine andere Natur und in ihren Erscheinungen ebenso wunderbar wiedie Natur selbst, die sie nachahmt und in zauberischen Momenten erfaßt wiedergiebt".

Die Niederländer haben aber nicht nur eine eigenartige Kunstblüte hervorgebracht, sie habenauch neue Kunstgattungen geschaffen: die Genremalerei und die wirkliche Landschaft, im Gegensatzezu der erdichteten der gleichzeitigen französischen Maler. Der „Bauernbreughel" und DavidTeniers d. I. brachten durch ihre derben niederländischen Bauernscenen eine höchst charakteristischeRichtung in Aufnahme, der sich Ostade, Jan Sten und Brouwer anschlössen, während GerhardDouw dem Bürgerleben und Terburg der vornehmen Gesellschaft die Stoffe ihrer köstlichen Bilderentlehnten. Paul Bril, der „Blumenbreughel" und namentlich der poetische echt deutsche GeistJakob- Ruisdaels zeichneten sich in der Landschaft aus; Philips Wouvermann belebte sie mitPferden und wilden Scenen aus Reitergefechten, Paul Potter brachte das Tierleben in derLandschaft zur Darstellung. Natürlich fehlte den seefahrenden Niederländern auch die Marine-malerei nicht, deren bester Vertreter in jener Zeit Ludolf Backhuisen ist.

Diese und viele andere holländische Maler sind zwar an die höchsten Aufgaben der Kunstnicht herangetreten. Das Einzelleben des Volkes aber in allen seinen Schichten, in seinenEigentümlichkeiten und in seinem frischen, regen Treiben haben sie wahr, urwüchsig und humor-voll dargestellt. Durch diese Volkstümlichkeit sind sie gerade auch für die Kulturgeschichtewichtig geworden. Die Kunst aber verdankt ihnen die Einführung einer neuen unerschöpflichenStoffwelt in die Malerei.