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Zweiter Band.
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Naturwissenschaften und Philosophie im sechzehnten Jahrhundert. 127

Damit der geistige Fortschritt sich nicht allzusehr in das Gebiet der Materie verliere,bedarf es des idealen Gegengewichts der'Philosophie. Diese aber war damals noch schwach,wie bei dem Vorwalten der theologischen Dogmen in den Gemütern es nicht anders seinkonnte. Dennoch hat gerade Deutschland den ersten Gelehrten erzeugt, welcher die Philosophievon der Theologie zu emanzipieren wagte. Unverdienterweise gehört Nikolaus Taurellus(1547—1606) zu den Vergessenen; ein Lexikon des achtzehnten Jahrhunderts sagte von ihm:„dieweil er aber einige ungewönliche sätze behauptet und der Philosophie mehr einräumen wolteals die Theologi vertragen kunten, bekam er mit denselben Händel und ward von den Heidel-bergischen der atheisterei beschuldigt." Doch hat ein kleiner Kreis noch in unseren Tagen seinergedacht, indem die Urania Erlangens ihm in Altdorf, der von der Reichsstadt Nürnberg ge-gründeten Universität, an welcher er als Lehrer gewirkt, eine Gedenktafel setzte. Taurellus,den heute kein Lexikon und keine Weltgeschichte mehr nennt, hätte durch seinen im Jahre 1573erschienenen „Triumph der Philosophie" verdient, als der philosophische Luther oder Keplergefeiert zu werden; er erklärte die Vernunft als die einzige Autorität in der Philosophie.Selbst ein Leibniz hat ihn geehrt und den „deutschen Scaliger" genannt; und Feuerlin, einSchüler dieses Polyhistors, hat im Jahre 1734 in Altdorf eine Apologie des Vergessenenveröffentlicht. Seine Lehre war durchaus idealistisch; der Geist ist nach ihr ewig und dieMaterie nur seine zufällige Umhüllung. Dabei war er warmer deutscher Patriot und eifertegegen alle sklavische Nachahmung des Fremden; aber die traurigen Zustände seiner Zeit habendas Licht seines Geistes nicht aufkommen lassen. Man kann Taurellus als das ernstere undsolidere germanische Gegenbild des liebe- und gotttrunkenen Pantheisten, der sich selbst ver-zehrenden Feuerseele Giordano Bruno betrachten. Dieser Italiener dürfte zur Verbreitung derLehre Kopperniks vor Kepler Wohl das meiste beigetragen haben. Er lebte als Flüchtling, wiein anderen Ländern, so auch in Deutschland: in Marburg, Wittenberg, Prag, Helmstedt undFrankfurt (1586—1591). Aber auch hier, wie in Frankreich und England, von der Orthodoxievertrieben, geriet er in die Hände der Inquisition seines Vaterlandes, die ihn, den „ent-laufenen Mönch", im letzten Jahre des Jahrhunderts auf dem „Blumenfelde" in Rom lebendigverbrennen ließ. Leider fehlt es uns an Nachweisen über den Einfluß, den er in Deutschlandgeübt hat.

Auf dem Felde der Geschichtschreibung, welche in dieser Zeit die gelehrte Richtung an dieStelle der volkstümlichen (I. S. 433 f.) setzte, ist Johannes Philippson aus Schleiden bei Köln,genannt Sleidanus (1506—1556) zu erwähnen; allerdings schrieb er lateinisch, aber er be-einträchtigte seinen Beruf als Historiker der Reformation nicht durch irgend welchen Fanatismus undzeichnete sich dabei durch klassische Sprache und Anordnung aus. Der Braunschweiger AndreasSchoppius verfaßte deutsch die Chronik seiner Vaterstadt; Albert Kranz eine niedersächsischeKirchengeschichte; Joachim Curäns schrieb die um ihres protestantischen Charakters willen ver-folgten schlesischen Annalen, welche von Heinrich Rätel deutsch bearbeitet und fortgesetzt wurden.

Damals begann auch die periodische Presse ihre Laufbahn. Unbeholfen genug warenihre Anfänge. Zur Zeit der Reformation wurde es Gebrauch, unregelmäßig erscheinende Flug-blätter, welche Ereignisse schilderten oder über Gegner, besonders in Religionssachen loszogen,„Zeitungen" zu nennen. Bei Anlaß drohender Türkeneinfälle, 1566, begann ihr Erscheinenin fortlaufenden Nummern; 1585 kamen monatliche bis halbjährliche Hefte dazu. Ihren In-halt bildeten meist Nachrichten über Kriege, Pestilenzen, Hungersnöte, Hexenbrände und besondersWundererscheinungen (S. 7 f.).

In jener Zeit hob auch die moderne Vielschreiberei an zunächst in einem starken An-wachsen des Briefverkehrs ihr Wesen zu treiben. Sowohl im amtlichen, wie im bürger-lichen Leben war dies der Fall, und die Briefschreiber beider Kreise thaten sich auf ihre Kunstnicht wenig zu gute. Es waren „Kanzler, Doktoren, Räte, Ritter, Hofleute, Stadtschreiber,Kriegshauptleute, Gelehrte und Geistliche", welche, teils aus freier Neigung, teils als Agentenvon Regierungen und Hochgestellten, über ihre eigenen und besonders über öffentliche Ver-hältnisse des Staates wie der Kirche ihren Bekannten oder Auftraggebern regelmäßige Berichteerstatteten. Je nach dem Stand oder der Liebhaberei ihrer Verfasser waren die Briefe lateinisch