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Zweiter Band.
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126 Viertes Buch. VIII. Wissenschaft und Litteratur am Ende des 16. Jahrhunderts.

Deutschen, Nikolaus Koppernik aus Thoru (1473—1543), Domherr in Frauenburg, der inallen Fakultäten ausgebildet war, mit Vorliebe aber Astronomie trieb, wurde in seinem Haupt-werke „von den Umwälzungen der Himmelskörper" die neue Lehre aufgestellt, daß die Erdeals Planet sich um die Sonne bewege. Obschon Kopernikus bereits 1530 sein Werk vollendethatte, hielt er mit der Veröffentlichung desselben zurück, bis er den Entschluß dazu kurz vorseinem Tode faßte; es wurde Papst Paul III. gewidmet, dessen Nachfolger die Lehre des Be-gründers der modernen astronomischen Wissenschaft noch über ein Jahrhundert lang verdammten.Auf dem ersten Bilde des neuen Weltsystems in dem Buche Kopperniks stehen die schönen Worte:„In der Mitte aller thront die Sonne. Denn wer wollte in diesem herrlichsten Tempel dieseLeuchte an eine andere oder bessere Stelle setzen, als an jene, von wo aus sie alles zugleicherleuchten kann?" Es war eine vollständige Umkehr der bisherigen Weltanschauung; dieBegriffe von oben und unten waren beseitigt, der materielle Himmel weggeschafft, die Erdeein Stäubchen im All. Die glaubcnsstolzen Konfessionen mußten einsehen lernen, daß selbst dieBibel in astronomischer Beziehung irrte und es von nun an schwer zu bestimmen war, woihre Unfehlbarkeit anfing oder aufhörte. Freilich sperrten sie sich dagegen, solange sie konnten;gleich dem Papste verwarfen auch Luther und Melanchthon verächtlich die neue Lehre, undihre Anhänger lebten noch im nächsten Jahrhundert in dem Wahne, daß die Naturwissenschaftsich nach der Theologie zu richten habe.

Die Astrologie konnte ruhig ihr Wesen forttreiben. Der deutsche Astrolog JohannStöffler (S. 59s., I. S. 433), der freilich auch in Astronomie und Mathematik Studien ge-macht hatte, wurde, wenn auch lauge nach seinem Tode, die Autorität, auf welche hin dasKonzil von Trient die Kalcnderverbesscrung beschloß, welche Papst Gregor XIII. im Jahre1582 durchführte. Zu der konfessionellen Zersplitterung Deutschlands fügte dieselbe noch einechronologische hinzu; denn die Protestanten hielten es unter ihrer Würde, von einem Papstedie Zeitrechnung anzunehmen. Mehr als hundert Jahre (bis 1700) gingen die Deutschenbeider Bekenntnisse in ihren Zeitbestimmungen um elf Tage auseinander, so daß in denGegenden, welche Katholiken und Protestanten gleichberechtigt einnahmen, heillose Verwirrungherrschte.

Ein Kalcndermacher und Astrolog ist aber auch der große Mann gewesen, welcher die nochunfertige Lehre des Frauenburger Domherrn ausbaute. In der Zeit der tiefsten Geistesnachtdes Konfessionskampfes und der jesuitischen Gegenreformation erblickte Johannes Kepler(1571—1630) zu Weil in Schwaben in einer armen Hütte das Tageslicht. Er studierte inTübingen Theologie und ein wenig Mathematik, die als Vorstudium der theologischen Wissen-schaften damals vorgeschrieben war, übernahm aber doch eine mathematische Professur au derUniversität Gratz. Aus derselben am Ende des Jahrhunderts durch die Jesuiten vertrieben, gerieter den lutherischen Glaubensmännern seiner Heimat in die Hände, die ihm zwar kein Leidanthaten, ihn aber (1612) salbungsvoll ermähnten, „daß er seine fürwitzige Natur bezähmenund sich aller Dinge nach Gott regulieren und dem Herrn Christus sein Testament und Kirchmit seinen unnötigen Subtilitäten, Skrupeln und Glossen unverwirret lassen solle." Zugleichentging seine Mutter mit Not dem ihr drohenden Tode als Hexe. Kepler hat dann als Hof-astronom Kaiser Rudolfs II. (1601) in Prag seine berühmten drei Gesetze gefunden, nach derenerstem sich die Planeten nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen um die Sonne bewegen. Vonseinem kaiserlichen Gönner mit dem Gehalte im Stiche gelassen, starb er mitten unter den Greuelndes dreißigjährigen Krieges, sozusagen aus Hunger, zu derselben Zeit, als sein großer italischerMitstreiter Galilei mit der' römischen Inquisition um die Wahrheiten der Wissenschaft zu ringenhatte. Den Entdeckungen der beiden Geisteshelden gingen unterstützend und helfend wichtigemathematische Erfindungen deutscher Männer zur Seite, und zwar in den beiden vorn Reichegetrennten Republiken. Der Niederländer Zacharias Jansen erfand das Mikroskop; sein Lands-mann Hans Lippershey das Fernrohr, welches Kepler und Galilei verbesserten; und der SchweizerJost Bürgi den Dreifußzirkel und die Logarithmen. Schon früher hatte des letzteren Lands-maun, der Stadtarzt Konrad Geßner aus Zürich, den ersten Anstoß zur wissenschaftlichenBotanik, Zoologie, Orographie und Sprachvergleichung gegeben.