140 Viertes Buch. VIII. Wissenschaft und Litteratur am Ende des 16 . Jahrhunderts.
Nur ein Dichter von Begabung ist aus dieser in so vielen Beziehungen traurigen Periodezu nennen: ein verspäteter Humanist und eifriger Protestant, der Tübinger Professor NikodemusFrischlin (1547—1590) aus Balingen in Schwaben, der wegen seiner heftigen, zu Gunstender geplagten Bauern gegen den Adel und die Behörden gerichteten Angriffe eingekerkert wurdeund bei einem Fluchtversuche den Tod fand. Indes sind seine Stücke lateinisch verfaßt —von seinem Bruder Jakob aber übersetzt — und im Grunde bloß Dialogisierungen biblischerund antiker Stoffe zum Schulgebrauche, daher „ermüdend weitschweifig"; nur ein deutschesStück schrieb er, das die Geschichte der Wendilgarde von Linzgau (I. S. 157) zum Gegenständehat. So gesunde Stoffwahl war damals selten; als ein anderes Beispiel ist Cramers latei-nisches, aber von dem geistlichen Dichter Bartholomäus Ringwaldt ins Deutsche übersetzte Schau-spiel von dem sächsischen Prinzenraub zu nennen, sonst wurde sie vom Bibel- und Schuldramaund von Dramatisierungen der Dogmen im Interesse beider Kirchen erdrückt.
Nach und nach traten am Ende des sechzehnten Jahrhunderts Schauspieler von Beruf andie Stelle der spielenden Bürger; neben den nur gelegentlich der Bühne dienenden Räum-lichkeiten entstanden besondere Schauspielhäuser. Engländer waren die ersten, welche inDeutschland wandernd auftraten und anfangs in ihrer Muttersprache, später jedoch deutschspielten. Sie pflegten damals vorzugsweise zwei Elemente, das Schauerlich-Blutige und dasNiedrig-Komische; die Perlen und Diamanten Shakespeares mochten sie für deutsche Ohren nochnicht geeignet erachten. Zu ihren ersten Schauplätzen gehörte Wolfenbüttel, dessen Regent,Herzog Heinrich Julius von Braunschweig (geb. 1564, reg. 1589—1613), unter ihrem Einflußzum Verfasser ungehobelter, unglaublich roher und unsittlicher Stücke wurde, die dadurch nichtgewinnen, daß am Schlüsse die Schuldigen von Teufeln geholt werden. Dieselbe Einwirkung,aber keineswegs in ihren ärgsten Ausschweifungen, verriet sich in den von dem NürnbergerNotar Jakob Ayrer (f 1605) hinterlassenen neunundsechzig Stücken; jedoch vermischt mit demEinfluß der Schule des Hans Sachs. An Vielseitigkeit in der Stoffwahl, von der nur dieBibel bei ihm auszunehmen ist, wetteiferte Ayrer mit dem bedeutendsten der Meistersinger,den er zwar hoch ehrte, aber nicht mehr erreichen konnte, da die Bühne Nürnbergs gesunkenwar. Auffallend oft berührt er sich in seinen Stoffen mit seinem Zeitgenossen Shakespeare,ohne daß Beziehungen zwischen beiden nachzuweisen wären; in der Form hält er an seinemälteren Mitbürger fest, läßt jedoch manchmal an Stelle des Herolds den Narren unter demNamen „Iahn" als Sprecher des Epilogs auftreten. Die nämlichen „zwei Seelen" warenauch iu dem Stadtschreiber Zacharias Lieb hold, der in dem schlesischen Städtchen Silberbergdichtete, und in mehreren dramatischen Fachgenossen anderer deutscher Städte, wie Münster,Straßburg, Frankfurt und Stuttgart wirksam.
Von den späteren Schauspieldichtern wurde der Narr beibehalten; nur mußte er mit demTeufel in seinen verschiedenen Metamorphosen (I. S. 447) oder auch mit einem Zwerge ab-wechseln.
Das Glück der „englischen Komödianten" aber war wandelbar. Während LandgrafMoritz von Hessen-Kassel sie auszeichnete, wurden sie in Elbing wegen unanständiger Auf-führungen ausgewiesen. In Nürnberg traten sie im Jahre 1612 nicht nur als Mimen, son-dern auch als Tänzer und Akrobaten auf; damals war der Eintrittspreis auf drei bis sechsKreuzer gestiegen, in Danzig betrug er zwei, und später drei Groschen. Den meisten Anklangaber scheinen sie um 1626 in Dresden gesunden zu haben, wo sie unter anderem MarlowesFaust, Shakespeares Romeo, Hamlet, Lear und Julius Cäsar aufführten. Auf die deutscheSchauspielkunst haben sie keinen Einfluß ausgeübt; diese sowohl, wie auch die Engländer selbsthaben sich im siebzehnten Jahrhundert verschlechtert: was sie zurückließen, war nur — derNarr (Clown), dem wir wieder begegnen werden.
Es sollte noch lange währen, bis aus den iu der zweiten Hälfte des Reformzeitaltersaufgetauchten, aber zusammenhangslosen und zersplitterten Keimen freier Gedanken fruchtbareHalme emporzuschießen vermochten.