168 Viertes Buch. IX. Das dreißigjährige Kriegselend.
überall vollständig geknickt, ihr Betrieb lag gänzlich danieder oder beschränkte sich auf dasGeringste. Die Webstühle Augsburgs z. B. waren von sechstausend auf dreihundert gesunken.So überall in allen deutschen Gauen. Die Friedensglocken klangen über unbebaute, von Ge-strüpp überwucherte Fluren, über Ruinen und Trümmerstätten, über die Gebeine zahllos zuGrunde gegangener Menschen. —
So viel noch Kirchen und Häuser in ganz Deutschland bestanden, so waren sie aus-geplündert. Die altertümlichen Möbel und Schmucksachen waren Seltenheiten geworden; ihrErsatz war bei dem Mangel an Vertrauen auf Frieden roh und plump. Noch lagen diefremden Heere im Lande bis zur Abtragung der Kriegsentschädigungen: Schweden, an dasfünf Millionen Thaler zu zahlen waren, hatte ohne den Troß noch 68000 Mann in Deutsch-land stehen. Diese Krieger und ihr großer Anhang an Gesinde, Weibern und Kindern mußtenernährt werden; sie drückten daher das Volk noch fast ebenso hart wie vorher: um sie und sichselbst ernähren zu können, wurden ehrliche Leute zum Raube gezwungen. Als aber endlichdie Kriegsvölker abgezogen waren, da dauerte das durch den Krieg erzeugte Elend noch immerlange, lange fort. Die vielen heimatlos gewordenen Leute irrten elend umher, vermehrt über-dies durch Flüchtlinge aus fremden Ländern, wie sie damals aus England vor der Revolutionund aus Frankreich infolge der Hugenotten-Verfolgungcn nach Deutschland kamen und die An-sprüche auf die Mildthätigkeit in dem verarmten Lande noch erhöhten.
Ein kümmerlicher Trost für diese kläglichen Zustände waren die Friedensfeste, welche imJahre 1650, nach endgültiger Unterzeichnung der Abmachungen, überall gefeiert wurden.Unter den Landbewohnern veranstalteten gelehrte Pfarrherren Choralgesang und allegorischeAufzüge, bei denen die Gerechtigkeit „in einem schönen weißen Hemde" die Hauptrolle spielte,und den in grüne Seide gehüllten Frieden begrüßte und umarmte; wogegen der als Soldat ge-kleidete „Mars" schmählich entwaffnet, gebunden und fortgejagt wurde. Mit glänzenden Festenfeierten die höheren Kreise den endlich wiedergewonnenen Frieden.
Die Verhandlungen über den schwierigen Vollzug des Friedens hatten im großen Rat-haussaale zu Nürnberg stattgefunden. Dort wurde, nachdem die meisten Truppen abgedanktworden, am 25. September 1649 ein Friedensmahl gehalten, das der kaiserliche Oberfeldherr,Octavio Piccolomini, Herzog von Amalfi, veranstaltete. Der Saal war, wie die Chronikder Zeit, das Ulmatrum Luroxasnm erzählt, „sehr hoch gewölbt, mit goldenen Rosen, Laub-werk und Malereien verziert und mit vielen großen Wandleuchtern, besonders aber mit dreigroßen Kronleuchtern zwischen sechs Festons oder Fruchtgehängen, zu denen dreißig ArtenBlumen und lebende Früchte mit ,Flindergold' verbunden waren, geschmückt. An den vierEcken spielten vier Musikchöre, und zwei Schankgestelle (Büffets) standen dazwischen." ZurRechten des Präsidierenden Piccolomini saß der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz (derSohn des Winterkönigs), zu seiner Linken der Pfalzgraf und schwedische Thronfolger KarlGustav, welcher zuletzt auch Oberfeldherr der Truppen Schwedens im Kriege gewesen war. Ihnenreihten sich ihrem Range nach an die Vertreter der Kurfürsten, die geistlichen und weltlichenFürsten, beziehungsweise ihre Abgesandten, dann die Grafen und die Abgeordneten der Reichs-städte. Ein Springbrunnen, der Rosenwasser in die Höhe trieb, und zwei große Schangerichteschmückten die Festtafel. Das eine stellte einen Siegesbogen mit lateinischen und deutschenVersen und den allegorischen Bildern der „sieben Planeten" dar; das andere einen Berg, andem jede der friedenschließenden Hauptmächte ihren Teil hatte: der des Kaisers war mitFrüchten, der Frankreichs mit Blumen bedeckt, Schneeberge und Felsen in zierlichen Formenerfüllten den Anteil Schwedens; drei Nymphen standen auf der Spitze des Berges, der auchsonst noch allerlei Ausschmückung im allegorischen Geschmacke der Zeit erhalten hatte. Gebet,Gesang geistlicher Lieder und Musik eröffneten das Mahl. Bei den Toasten auf die Majestätenerscholl Musik und von der Burg Kanonendonner. Mit Blumen geschmückt und von Räucher-werk begleitet waren die Speisen, deren reichhaltige Gänge an schon geschildertes erinnern (S. 74).Zwischen dem fünften und sechsten Gange wurde die Tafel abgedeckt: da kam der vorherdarunter verborgene Nachtisch mit Zuckerwerk, besonders Marzipan und eingemachten Früchtenzum Vorschein. Man gedachte aber auch der Armen; zwei Ochsen und große Mengen Brot