Band 
Zweiter Band.
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Ansicht von Passau im 17. Jahrhundert. Faksimile der Radierung von Wenzel Hollar. Originalgröße.

Erster Abschnitt.

Die Staatsraison.

j^as System der unbeschränkten Regierungsmacht, welches seit dem westfälischen Frieden inDeutschland, wie im größten Teile Europas von feiten der Fürsten und in den wenigenRepubliken durch die Aristokratie ausgeübt wurde, ordnete rücksichtslos alle Interessen derEinzelnen dem unter, was die persönliche Ansicht der jeweilig Regierenden für das Wohl desStaates hielt. Man nannte diese Auffassung und Anwendung der Staatsgewalt die Ratiostatus oder in der beliebten deutsch-französischen Mischsprache die Staatsraison.

Dieser Ausdruck erscheint zum erstenmale in der Schrift „äs rations status in iwxerionostro rvmano-Asrmanieo" (von der Einrichtung des Staates in unserm römisch-deutschenReiche), welche im Jahre 1640 von dem Reichshistoriographen der Königin Christine vonSchweden, Bogislav Philipp Chemnitz, der auch unter dem Namen Hippolytus a Lapidedie Geschichte des dreißigjährigen Krieges geschrieben hat, herausgegeben wurde. Im Jahre1678 erschien dann das Buch „läoiuin Rrineipum, das ist: Der Regenten Abgott, den Sieheutigs Tags anketten und Ratio Status genannt wird". Es schildert die Art und Weise,wie ein neu ernannter Rat von seinem Schwiegervater, dem Vizekanzler, in die Geheimnissedes Staatswesens eingeweiht wird. Der erfahrene Staatsmann führt den neuen Rat in dievom Verfasser ironisch beschriebenen „Staatskammern" und zeigt ihm dort die Effekten, derensich die Regierung bedient, um das Volk hinter das Licht zu führen. Da giebt es Staats-mäntel, außen schön verbrämt, innen aber schlecht gefüttert und mit Wolfs- oder Fuchspelzengeflickt, die gebraucht werden, wenn man die Unterthanen zu Steuern nötig hat oder einen aufsie geübten Druck beschönigen will. Dann sind da schön bemalte Staatsmasken, die da heißen:Eid, Betrug, Lästerung; ferner Schermesser, Schröpfköpfe, Schwämme, Beinschrauben, Brech-zangen und andere Instrumente, um den Leuten das Blut abzuzapfen; weiter Staatsbrillen,durch die den Unterthanen die Augen geblendet werden, die aber auch dazu dienen, Geschenkeder Regierung größer, Auflagen indes kleiner und gehässige Maßregeln liebenswürdig erscheinenzu lassen, — endlich auch eine Schachtel mit Staatspulver, den Leuten in die Augen zuwerfen, und ein Fäßlein voll Hoferbsen, welche ausgestreut werden, damit Verhaßte auf ihnenausgleiten und den Hals brechen sollen. —

Deutsche Kulturgeschichte. II.

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