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Fünftes Buch. I. Die Staatsraison.
Das Muster- und Idealbild, nach welchem damals im ganzen christlichen Europa dieses rücksichts-lose Regierungssystem ins Werk gesetzt wurde, ist in Frankreich zu suchen. König Ludwig XIV.war seit seiner Alleinherrschaft der Typus des Herrschers, wie er nach der Meinung desmaßgebenden Teiles der Welt sein sollte. Der innere Charakter der Regierung des „Sonnen-königs" und die mannigfachen Reformen, welche ihm die Staatsverwaltung und die KulturFrankreichs verdankten, sind hier nicht darzustellen, Wohl aber der Einfluß und die Einwirkung,welche der französische König und die Organe seiner Willkürherrschaft auf Deutschland übten.
Frankreich war damals und später wiederholt das Haupt Europas; ohne seinen Willenließ Ludwig XIV. auf dem Felde der Politik nichts geschehen, was zu verhindern er in seinemInteresse für gut fand und in seiner Macht stand. Schon im Jahre 1657 hatten die rheinischenund andere deutsche Fürsten sich mit Frankreich und Schweden verbunden, um den Kaiser voneiner Unterstützung Spaniens gegen Frankreich abzuhalten. Ludwig XIV. galt im Südwestendes deutschen Reiches und in dessen Innerem bis nach Sachsen hin mehr als der Kaiser, dessenspanisch-jesuitische Politik freilich nicht dazu angethan war, die patriotischen Elemente, wenn esderen überhaupt gab, um sich zu sammeln. Seine deutschen Freunde gedachte der französischeKönig dazu zu benutzen, ihm zur Erwerbung der Frankreich noch fehlenden Teile von Lothringenund dem Elsaß, womöglich auch der Niederlande und was sonst noch anzueignen war, zu ver-helfen, Hatten sie dies gethan, so nahm der mächtige Bourbon auch auf sie keine Rücksichtmehr. Zu gleicher Zeit verschmähte er es auch nicht, mit dem Kaiser Leopold I. einen geheimenVertrag über die Teilung des spanischen Weltreichs abzuschließen (1668); dabei wählte Ludwigdas Praktischere und näherliegende, die spanischen Niederlande und die an der Schweizer Grenzesich hinstreckende Freigrafschaft, wogegen die Habsburger mit dem fernen Spanien und demnoch ferneren Amerika kaum etwas anzufangen gewußt hätten. Die unverhoffte Lebensfähigkeitdes spanischen Königs vereitelte diesen Plan; aber die Niederlande, sowohl die spanischen alsdie freien, blieben Ludwigs Hauptziel, welches ihn in seinem maßlosen Begehren noch weiter,zur Beherrschung Deutschlands und damit des europäischen Festlandes führen sollte. DerMinister des Kaisers, Fürst Lobkowitz, stand fortwährend im Solde Frankreichs. ErzbischofMaximilian Heinrich von Köln wurde Ludwigs Verbündeter oder besser Vasall und räumteihm Neuß ein; die Bischöfe von Münster und Osnabrück, der Herzog von Hannover folgtendem Beispiele des Kölners. Die Heere der Verbündeten überschwemmten Holland, dessen alterHeldenmut es freilich rettete. Es hatte einen Helfer gefunden an dem aufstrebenden Branden-burg, dessen Großer Kurfürst den Kaiser endlich dazu brachte, sich gegen den Erbfeind zuwenden, was auch den Anschluß der rheinischen Fürsten nach sich zog.
Ganz Deutschland schien seit langer Zeit wieder einig gegen einen gemeinsamen Feind.Und dieser zeigte sich in einem Lichte, das grauenhaft über die Fluren Deutschlands leuchtete,dem nun Nachspiele des dreißigjährigen Krieges beschieden waren, die es bei Abschluß deswestfälischen Friedens nicht geahnt hatte! Die Franzosen begannen damit, in den elsässischen 'Städten die Reste der Reichsrechte zu vernichten. Der Krieg brach aus (1674) und bald zeigtees sich, daß wieder Uneinigkeit die Kraft der deutschen Fürsten den stramm discipliniertenFranzosen gegenüber in trauriger Weise lähmte. Diese aber schändeten den Vorzug ihrer Ein-heit durch ihre mehr als barbarische Kriegführung in deutschen Landen.
Nach französischen Aktenstücken verbrannten die Heere des „Sonnenkönigs" nicht nurHäuser und ganze Dörfer, sondern absichtlich auch Menschen und Vieh, wie einige Jahre vor-her in Holland, so nun in den Rheinlanden. Der Gouverneur des eroberten Philippsburg,Dufay, berichtete an den Kriegsminister Louvois wörtlich trocken: „Ich habe seit vierzehnTagen dreizehn kleine Städte, Flecken oder Dörfer verbrennen lassen, und es befindet sich inkeinem dieser Orte mehr eine Seele." Louvois feuerte die Anführer zu noch größeren Ver-heerungen an und drohte ihnen mit der Ungnade des Monarchen, wenn sie nicht ganze Dörferverbrennen ließen. So schrieb er an den General de Montclair (1688) wörtlich: „SeineMajestät empfiehlt Ihnen, ja alle Ortschaften zerstören zu lassen, welche Sie verlassen werden,sowohl am oberen als am unteren Neckar, damit die Feinde, welche dort weder Fourage nochLebensrnittel finden, nicht in Versuchung kommen, sich ihnen zu nähern." Und im Jahre 1689: