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Fünftes Buch. I. Die Staatsraison.
Durch viele peinliche Vorfälle machte das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch der kleineWürttembergische Hof von sich reden. Den Herzog Eberhard Ludwig (f 1733) beherrschtedie schöne und geistvolle, aber gewissenlose und verschwenderische Friedrike Wilhelmine vonGrävenitz, die er zur Gräfin von Urach erhob und in den Landständen neben sich sitzen ließ.Sie begünstigte ihre Verwandten und fremde Abenteurer so keck, daß zuletzt ihr Sturz und ihreVertreibung erfolgte. Der nächste Herzog von Württemberg, Karl Alexander, welcher im Jahre1712 in Venedig als österreichischer Feldmarschall katholisch geworden war, ließ die Grävenitzzum Tode verurteilen und vertrieb ihre Verwandten. Dieser Fürst hielt sich keine Maitressc,überließ aber dem zum Finanzrate emporgestiegenen Josef Süß-Oppenheimer, genannt Jud'Süß, den größten Einfluß im Lande. Während der Herzog fabelhafte Summen an Feste undVergnügungen, Karneval und Opern verschwendete und in stetem Genuß seine Gesundheit unter-grub, sog „Jud' Süß" das Land auf die schamloseste Weise aus. Jeden Widerspruch gegenseine Gewaltherrschaft unterdrückte er durch die grausamsten Strafen; bereicherte sich durchUnterschlagungen, Betrügereien und Stellenschacher um angeblich eine Million Gulden; begünstigtedie Katholiken gegenüber der Protestantischen Mehrheit und brachte hierdurch den Herzog umalle Volkstümlichkeit. Nach dessen Tode aber wurde er im Jahre 1738 verhaftet, in rotemgalonnierteu Rocke auf einer Kuhhaut zum Richtplatze geschleift, in einen Käfig gesteckt und aneinem fünfzig Fuß hohen eisernen Galgen hinaufgezogen und gehängt.
Der Adel hatte das Rittertum verloren; er sonderte sich damals immer mehr von:Bürgertum ab und drängte sich nach den Höfen, an denen allerdings manche seiner Gliederdem Lande als Staatsmänner und Feldherren nützlich wurden. Die an Talent und Würdegeringeren Persönlichkeiten aber buhlten um die Gunst der Höheren; hochfahrend und verletzendtraten sie gegen Bürger und Bauern auf, thaten sich selbst durch Mißhandlung derselben hervor,wo immer sich Gelegenheit dazu fand. Da sie weder etwas Nützliches gelernt, noch Kenntnisse,wie sie zur Ausübung eines Berufes gehören, erworben hatten, schlugen sie ihre Zeit mitTrinken, Spielen, Jagen und Raufhündeln tot. So wenig sie sich indessen durch feine Sitteund Bildung auszeichneten, so sehr brüsteten sie sich durch Beobachtung einer steifen Etiketteund durch Hochmut auf ihre Abstammung. Die Sucht, sich mit Wappen und Stammbäumenzu beschäftigen, nahm überhand; zu den alten kamen neue hinzu, die oft genug nur dem Strebennach Vorteilen und der Eitelkeit zuliebe erfunden waren. Wer an der Echtheit solcher Mach-werke zweifelte, war nicht vor Thätlichkeiten sicher. Vielfach gingen herabgekommene Edelleutein fremde, besonders in französische Dienste; wenn sie dann heimkehrten, so wirkten sie für dieVerbreitung wälscher Sprache, Tracht und Unsitten, ohne sich jedoch deshalb in ihrem alt-germanischen Hange zu übermäßigem Trunk und Spiel irre machen zu lassen, der durch dieim Kriege gesteigerte Roheit der Sitten noch abstoßender wurde.
Da der Adel wie alle anderen Stände durch den dreißigjährigen Krieg große Einbußenau Gütern und an Personen erlitten hatte, durch den Adel aber der Weg an den Hof ging,der nun einmal alles an sich zog, so wuchs das Streben, sich adeln zu lassen, beträchtlich.Die Offiziere bürgerlicher Herkunft suchten aus ihrer Beute, und reiche Bürger der von Fürstenabhängigen Städte aus dem Ertrage des Handels und der Gewerbe Adelsbriefe zu kaufen.Aus finanziellen Gründen kam das bedürftige Reich diesem Verlangen willig entgegen undadelte nicht nur die Titelbegierigen, sondern auf Wunsch auch ihre Ahnen. Sowohl die Alt-adligen, als auch ihre neuen Standesgenosseu, welche au Einbildung auf ihren erhöhten Wertnicht hinter ihnen zurückstanden, sahen über Leute ohne Wappen und Titel dünkelhaft hinweg.Der alte Adel sträubte sich indessen heftig gegen die Anerkennung des neuen; er versagte dem-selben die Aufnahme in seine Orden, Stifter und Körperschaften und bestimmte die Fürsten,ihn von den Hofämtern über dem Pagen auszuschließen. Die „Heringsnasen" und „Pfeffer-säcke", wie man die neugeadelten Bürger verächtlich nannte, entschädigten sich dadurch, daß sieihren größeren Reichtum an Glücksgütern stolz zur Schau trugen, in Kleidern, Möbeln,Zimmern und Gastmählern großen Aufwand trieben, sogar ihre Knechte und Lehrlinge alsLakaien kleideten. Ruinierten sie sich durch so kostspieliges Gebaren, was oft genug vorkam,so war ihr Los dem der verarmten Altadligen ähnlich. Letztere, „Krippcureiter" genannt,