280 Fünftes Buch. V. Das Ringen der deutschen Kultur nach Unabhängigkeit.
welcher die Censur jedes freie Wort zu unterdrücken suchte. Die Einrichtung der Universitätenverlor von ihrer Engherzigkeit und Zunftmäßigkeit und wurde freier; das Deutsche verbreitetesich als Vortragssprache und lief der lateinischen schon an manchen Hochschulen den Rang ab;die Studierenden gewöhnten sich an geregeltere und anständigere Sitten. In allen gebildetenKreisen fand das Auftreten von Thomasius gegen den Hexenwahn, für den keine Verteidiger
mehr das Wort zu ergreifenALL wagten, Anklang. Es er-
schienen Verbesserungen in derGesetzgebung, so z. B. die säch-sische Prozeßordnung vomJahre 1724. ZweckmäßigereFeuerordnungen, Brandkassen,Zucht-, Waisen- und Armen-häuser (in Sachsen zu Wald-heim, Dresden und Torgau)entstanden; die Straßenbe-leuchtung wurde verbessertund erweitert. Die amtlichenMünzv erschlcchtcrungen hörtenaus. Die Landstraßen warenund blieben zwar noch viel-fach schlecht und unsicher; aberin manchen Gegenden, zuerstin Sachsen, wurde ihr Zu-stand doch ein besserer; Bäumewurden an ihnen entlang ge-pflanzt und Meilensteine undWegweiser gesetzt. Das Post-wesen wurde regelmäßiger.Deutschland war das ersteLand, in welchem außer denBriefen auch Pakete, Gelderund Personen durch die Postbefördert wurden, wenn diesauch nach unseren Begriffenim Anfang noch langsamging. So fuhr die Post vonDresden nach Berlin nuralle vierzehn Tage, nach densächsischen Städten nur ein-mal wöchentlich; nach Meißenkamen in jeder Woche zweiMarktschiffe. Von Kleve nachBerlin war die Post elfTage und Nächte unter-wegs; sie legte täglich fünf Meilen zurück und machte auf jeder Station einen zweistündigenAufenthalt.
In der Behandlung der Bauern trat langsam eine Wendung zum Besseren ein, wenndie größere Milde auch vorläufig nur mit zu dem Zwecke diente, in den Söhnen der Land-bewohner Soldaten heranzuziehen. Selbst in ihre Hütten fanden einige Bücher und Kennt-nisse, wenn auch noch schüchtern, den Weg. In die Häuser der Bürger hielten Bildung undLitteratur nach und nach ihren befruchtenden Einzug. Auch der Adel nahm Teil an dem
Student im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts.Faksimile eines gleichzeitigen Kupferstiches.