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Zweiter Band.
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Fünftes Buch. VII. Der alte Fritz.

der verfallenen Akademie der Wissenschaften, die freilich unter ihm eine durchaus französischewurde. Noch größer aber steht der junge König in seiner schlichten Erklärung da, mit weicher-er allgemeine Glaubensfreiheit verkündete: „in meinen Staaten müssen alle Religionen toleriertwerden, keine darf der anderen Abbruch thun, und jeder hat das Recht, nach eigner Faxonselig zu werden", wobei der letzte Satz durch die vorhergehenden den Schein frivoler Er-mutigung der Indifferenz verliert. Man sah und fühlte bald, daß ein neuer, frischer Luftzugdurch Deutschland wehte, der aus der bisher verachteten Stadt an der Spree herkam. Manwandte die Blicke dahin, wo man das Tagesgrauen der Zukunft ahnte, nach dem Staate, in demder klare Geist eines Königs waltete, der vom Haupte des Reiches sagen durfte: „der Kaiser istein zur Vogelscheuche gewordenes Götzenbild, das ehedem Kraft hatte und mächtig war, heuteaber nichts mehr ist; er war einst ein sehniger Mann; aber die Franzosen und die Türkenhaben ihn durchseucht und jetzt ist er entnervt." Kaum war das geschrieben, so starb KaiserKarl VI., — der letzte Habsburger, auch das letzte Reichsoberhaupt, welches von den deutschenFürsten als über ihnen stehend, obwohl nur noch als ein ehrwürdiges Phantom, anerkanntwurde. Von nun an war die Kaiserkrone wieder bestritten, was drei Jahrhunderte lang nichtmehr der Fall gewesen; von nun an hatte das Kaisertum eine Nebenbuhlerschaft, deren auf-strebende Kraft den verblassenden Glanz kaiserlicher Macht sogar überstrahlte; nur mehr einGleicher unter Gleichen war der Kaiser in dem der Dauer seiner Würde noch beschiedenenhalben Jahrhundert, ein Beherrscher der österreichischen Lande mit dem Kaisertitel. Vorläufigaber gab es nicht einmal einen Kaiser, und ebenfalls bestritten war die Erbfolge in den Habs-burgischen Landen. Thatsächlich waren sie herrenlos; als Friedrich auf Grund berechtigterErbansprüche Schlesien eroberte, da trennte es sich von einem Leichnam, um einem lebens-kräftigen Körper angegliedert zu werden. Die Schlesier hatten unter österreichischer Herrschaftein menschenwürdiges Dasein nicht führen können; der Regierung, die im Lande waltete undschaltete, war nur an Vertilgung des evangelischen „Irrglaubens", nicht an des Volkes Wohl-fahrt gelegen (S. 51, 147 f.). Die Protestanten wurden in Schlesien als Parias behandeltbis auf ihre Befreiung durch Friedrich den Großen. Einige Milderung hatte erst im Jähre1707 das Einschreiten des Schwedenkönigs Karl XII. gebracht, durch welches den Verfolgten von628 geraubten Kirchen 118 zurückgegeben worden waren; aber auch nachher waren evangelischeNachkommen gewaltsam Bekehrter als Abtrünnige eingesperrt, und wenn sie sich nicht fügten,aus dem Lande verjagt worden. Daher wurden die Preußen als Erlöser begrüßt; ohne Wider-stand nähmen sie das Land ein, in dem von nun an, wie in jedem preußischen Gebiete,Glaubensfreiheit für alle herrschte. Freilich konnte der Eroberer nach dem Wortlaute desBerliner Friedens den Protestanten die ihnen entzogenen alten Kirchen nicht wiedergeben; siemußten sich selbst neue bauen. Merkwürdigerweise aber lehnte sich die katholische Geistlichkeitnicht dagegen auf, daß König Friedrich II. das Recht der Wahl ihrer höheren Würdenträgerin Anspruch nahm; der Kardinal-Erzbischof von Breslau ging sogar auf den ziemlich frivolenScherz ein, mit welchem ihm der König anzeigte, daß der heilige Geist und er zusammen ihmeinen Koadjutor gegeben hätten.

Aber auch in die gesellschaftlichen Verhältnisse Schlesiens griff der neue Herr thatkräftigein. Erst jetzt durften sich die Bauern über Mißhandlungen von feiten ihrer Gutsherrschaftbeklagen. Viele tausend nicht bewirtschaftete Bauerngüter, deren Hütten in Trümmern lagen,wurden wieder mit Bauern besiedelt; das Land wurde denselben als volles erbliches Eigentumübergeben; die Loskaufssumme für Leibeigene wurde auf einen Dukaten für den Kopf herab-gesetzt, während sie auf der Insel Rügen unter schwedischer Herrschaft noch später für einenstattlichen Burschen hundertundfünfzig, für eine hübsche Magd fünfzig bis sechzig Thaler betrugund von der Schätzung des Herrn abhing. Ohne Zwang freilich ging es unter dem Waltendes erleuchteten Despotismus nicht ab. Feuergefährliche Bauten, wie hölzerne Rauchfänge undLehmöfen, mußten niedergerissen und aus Stein neu aufgebaut werden. Dafür hat FriedrichsRegierung in Schlesien zweihundertundfünfzig neue Dörfer und zweitausend neue Häuslerstellenerrichtet. „Pferde und Schafe wurden aus Preußen, Torfgräber aus Westfalen, Seidenbauenaus Frankreich in das Land gebracht; Eichenwälder und Maulbeerbäume wurden gepflanzt,