Z24 Fünftes Buch. VIII. Die große Kaiserin und ihr Sohn.
Interesse für Kunst und Wissenschaft und die religiöse Duldsamkeit gefehlt hätten. Der katho-lische Glaubenseifer verdrängte in ihrem Herzen diese Gefühle; Künstler und Gelehrte wurdenvon ihr gering geschätzt; Protestanten wurden verfolgt, unterdrückt, gewaltsam nach Siebenbürgengeschafft, unter das Militär gesteckt und in Bergwerke geschickt; die Juden wurden wiederholtvertrieben. Diese Mängel machte Maria Theresia einigermaßen gut durch ihren Eifer fürehrbare Sitten und ihre vortrefflichen Eigenschaften als Gattin und Mutter. Wie bei Friedrichder Hof im Staate aufging, so bei ihr in der Familie. Soweit sie und Kaiser Franz Prachtliebten, schmückten sie die Schlösser Schönbrunn und Laxenburg; die Burg in Wien aber ließensie unverändert, und durch Bauten in der Stadt verewigten sie ihre Namen nicht.
Das Politische Streben der Kaiserin war durchaus absolutistisch. Das Feudalwesenschwand unter ihr ebenso dahin wie unter Friedrich Wilhelm I. Die Stände, deren geschichtlicheEntwickelung und Bedeutung sie nicht kannte, Und in denen sie und ihr Staatskanzler FürstKaunitz den herrschsüchtigen Adel zu treffen glaubten, beschränkte sie durch die Selbstherrschaftund die bureaukratische Ministerregierung. Die Provinzialbehörden wurden aufgelöst und alleRegierung in Wien centralisiert — ausgenommen die von Ungarn, welches seine eigene Re-gierung behielt, so daß der heutige Dualismus Österreich-Ungarns schon damals ausgebildeterscheint. In einer abgesonderten Stellung blieben jedoch die räumlich von Österreich getrenntenBesitzungen: Belgien und die Lombardei. Auch den Städten wurden ihre administrativen undgerichtlichen Befugnisse zu Gunsten des Staates entzogen, welcher das Recht der Bestätigungihrer obersten Beamten erhielt; die ländlichen Gemeinden aber unterlagen völlig der Willkürder Regierung.
Mehr gerechtfertigt war die Arbeit an einem einheitlichen bürgerlichen und Strafgesetzbuchfür die Monarchie. Jedoch kam nur das letztere unter dem barocken Titel „dlsmesis Nbsre-8ianaV zu stände und war gerade „kein Meisterwerk", indes hob es doch (1769) die Hexen-prozesse und die Verbrennungen überhaupt auf. Das Verbot der Folter folgte nach, unddamit war die Kaiserin, ohne es zu wissen, bereits auf die Bahn der Aufklärung geraten.
Sehr viel geschah unter der Regierung Maria Theresias für Gewerbe und Handel. DerStaat übernahm im Jahre 1744 eine in Wien gegründete Porzellanfabrik; Franz I. errichtetein Holitsch eine Majolikafabrik. Viele Eisen- und Stahlwerkstätten, sowie Baumwoll-- undSeidenmanufakturen entstanden: Wien wurde zur Industriestadt. Auch dem Bergbau wandteder Staat seine Förderung zu, jedoch lieferte er nur an Blei und Eisen, nicht aber an Goldund Silber Erträgnisse. Auch Kanäle und Straßen wurden gebaut, die Schiffahrt und dasPostwesen gehoben.
In den Finanzen des Reiches wurde viel experimentiert; die übelen Zustände derselbenkonnten aber trotz der Monopolisierung aller möglichen Dinge nicht geheilt werden) Die 1751eingeführte Lotterie war auch nur ein sehr bedenkliches Mittel, die Staatseinkünfte zu ver-mehren. Im Heer wurde viel reformiert, meist nach preußischem Muster, und doch verbliebenmanche Mängel; die Errichtung der „Militärgrmze" gegen die Türken machte nur die Bewohnerunzufrieden und nützte wenig, seit jene einstigen Erbfeinde nicht mehr zu fürchten waren.
Nach dem plötzlichen Tode Kaiser Franz I. (1765) nahm Maria Theresia ihren nun alsKaiser figurierenden ältesten Sohn Josef II. zum Mitregenten an; in Wirklichkeit war er gleichseinem Vater nur ihr erster Minister. Aber er wußte doch eine viel größere Bedeutung zuerlangen. Er reformierte den Hof und erschien in Uniform statt in der bisher üblichenspanischen Tracht; er belohnte das Verdienst statt des Adels; er öffnete der Wiener Bevölkerungden Prater und den Augarten; er sprach und schrieb deutsch statt des bisher üblichen ge-mischten Jargons, wie denn Wien unter ihm wieder eine deutsche Stadt wurde und auchdie Teilnahme an der deutschen Litteratur in Österreich, nachdem die Censur gemildert war,einen mächtigen Aufschwung nahm, so daß Zeitschriften in Menge entstanden, welche dieseRichtung förderten. An den Augiasställen des Reichskammergerichtes und des Reichshofratesaber versuchte Josef seine Kräfte umsonst; auch erfüllte er die Hoffnungen, welche man inDeutschland auf seine Fürsorge für die Litteratur setzte, durchaus nicht. Sein Vorbild warFriedrich der Große, mit dem er zweimal persönlich zusammentraf. Gleich ihm war Josef II.,