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Zweiter Band.
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ZZg Fünftes Buch. VIII. Die große Kaiserin und ihr Sohn.

im wesentlichen unter geistlicher Leitung. Der ebenfalls bon Preußen übernommene Grundsatzder allgemeinen Schulpflicht konnte indes noch nicht bei einem Dritteil der Bevölkerung durch-geführt werden, so wenig Anklang fand er im Lande.

Ein eifriger Förderer aller Reformen war unter der Doppelregierung der Kaiserin undihres Sohnes der von jüdischen Eltern stammende Professor Josef von Sonnenfels, derhervorragendste Vertreter der gemäßigten Aufklärung in Österreich, dessen Geist jedoch feinemStreben nicht gewachsen war. Seine Zeitschrift „Der Mann ohne Vorurteil" suchte aufpolitischem wie auf ästhetischem Gebiete dem Fortschritte Bahn zu brechen; aber wie die meistenAufklärer kannte Sonnenfels die Geschichte nicht; er lebte nur der Gegenwart und schmeichelteder Regierung, welche ihn gegen die Geistlichkeit schützte, und dem Adel, den der Staatbrauchte. Die Aufhebung der Folter ist nicht sein Verdienst, wie oft behauptet wurde. EinSystem kannte er nicht, vielmehr entlehnte er feine Ideen wo er sie fand; und dies wardurchweg der Charakter der Aufklärung in Österreich überhaupt.

Nach dem Tode der Kaiserin im Jahre 1780, war der bisherige Mitregent, im vierzigstenLebensjahre stehend, Alleinherrscher. Wie Friedrich der Große bei seinem Regierungsantritt,so verzichtete auch Josef II. auf eine Krönung in Ungarn und Böhmen: wie Preußens König

nannte auch er sich den ersten Diener des Staates und wollte doch dessen Herr sein. Aber die

Minister hatten bei ihm mehr Einfluß als bei seinem Vorbilde. Namentlich Fürst WenzelKaunitz, der einflußreiche Ratgeber Maria Theresias, konnte ganz nach seiner Eigenart schaltenund walten; das Auswärtige hat ihm der Kaiser sogar fast ganz überlassen, wogegen Kaunitzdie Reformen seines Herrn lebhaft unterstützt hat. Jeden Hofprunk und alles Ceremoniell be-seitigte Josef II., er empfing jeden Bittenden und mischte sich im Augarten unter das Volk.Streng und ohne Nachsicht im Dienste, wurde er durch seine Leutseligkeit der Abgott desVolkes. Er strebte nach Ausbildung seiner Erbländer zu einem einzigen Staate, dessen allge-meine Sprache die deutsche, dessen Stützen nicht Adel und Geistlichkeit, sondern die Gesetzeund das Beamtentum sein sollten. Daher beschränkte er noch mehr als seine Mutter die Rechteder Stände und that ohne sie, was er wollte. Die Vorrechte des Adels, namentlich das Jagd-recht, beschnitt er; im Jähre 1781 hob er die Leibeigenschaft auf, indem er zugleich die

Bauern gegen Willkür der Grundherren schützte, zu denen sie fortan nur in einem mäßigen

Abhängigkeitsverhältnis standen. Die Landwirtschaft nahm infolge dieses Schrittes einen großenAufschwung. Den Zunftzwang vernichtete der Kaiser, wodurch in den Städten Gewerbe undHandel sowie die Bildung des Bürgertums sich hoben, ebenso auch die Tüchtigkeit der Beamteninfolge der Anerkennung und Regelung ihres Rechtes auf Pensionierung. Die Rechtspflegetrennte Josef II. von der Verwaltung; die Ehe wurde als bürgerlicher Vertrag anerkannt undihre Eingehung erleichtert; gemischte Ehen wurden erlaubt. In das Strafgesetz fand der Grund-satz der Humanität auch gegen die Verbrecher Eingang. Das Steuerwesen wurde auf demGrundbesitz aufgebaut, was freilich viel Unzufriedenheit hervorrief. Die Finanzen zu bessern,gelang jedoch nicht. Unter den zahlreichen wohlthätigen Anstalten, welche dem Wirken desKaisers entsprangen, stehen das allgemeine Krankenhaus, die Irrenanstalt und das Taubstummen-institut in Wien obenan.

In kirchlicher Beziehung haben die Feinde alles Fortschritts Kaiser Josef II. als einenGlaubenslosen hingestellt, andere Parteien haben ihn für einen Vollgläubigen gehalten. Beidesist mit seinen wirklichen Handlungen unvereinbar; die Wahrheit liegt Wohl in der Mitte. DesKaisers Haltung in den Fragen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat zeigt eineSteigerung des Prinzips der Aufklärung, wie es bis dahin weder in Österreich, noch imübrigen Deutschland gehandhabt worden war; daher ist denn auch das Streben die Kirche derStaatsregierung unterzuordnen und sie auf das dogmatische Gebiet zu beschränken nach ihm„Josefinismus" genannt worden. Ein großer Teil, vielleicht die Hälfte des österreichischenEpiskopats trat in diesem Streben auf die Seite des Kaisers, während die andere Hälfte esmit dem Nuntius und dem Papste hielt. Die Kämpfe zwischen Ghibellinen und Welsenschienen sich erneuern zu wollen: es war zu Josefs Zeit eine Bewegung im Gange, welche derkatholischen Kirche in Deutschland ein entschieden freisinniges Gepräge zu geben versprach.