ZZA Fünftes Buch. VHI. Die große Kaiserin und ihr Sohn.
Einteilung der Bistümer und der Pfarreien, setzte staatliche Priesterseminarien an die Stelleder bischöflichen und erließ Verordnungen über die Beerdigung und sogar über den Gottes-dienst. Endlich stand der Kaiser im Begriff, die Kirche Österreichs vorn Papsttume loszureißen:da ließ er sich, von einer Reise nach Rom zurückkehrend (Ende 1783), durch den spanischenGesandten Azara nicht nur von diesem Gedanken abbringen, sondern er gab überhaupt demKampfe mit der Kirche seitdem einen viel milderen Charakter, so daß er nach und nach erlosch.
Indessen ermutigten die kirchlichen Reformen Josefs die deutschen Erzbischöfe, so vieleihrer noch waren, auch ihrerseits gegen die römische Kurie vorzugehen, zumal da sie sich teil-weise schon früher über Mißbrauche derselben beschwert hatten. Als nämlich, nach des KaisersRückkehr aus Rom, der Papst einen Nuntius nach Baiern sandte, um dort die päpstlichenRechte auszuüben, protestierten dagegen der Erzbischof von Salzburg, Baierns Oberhirt, undder Kurfürst von Mainz als Primas des deutschen Reiches, und ihnen schlössen sich auch die
zwei geistlichen Kurfürsten von Köln und Trier an. Der Kaiser unterstützte sie, soweit es sich
um die Behinderung der Nuntien an Ausübung geistlicher Gerichtsbarkeit in Deutschlandhandelte, und die vier Prälaten ließen auf einer Zusammenkunft in Ems im Jahre 1786durch ihre Hoftheologen dreiundzwanzig Punkte aufsetzen, die „Emser Punktation", durch welchedie bischöfliche Gewalt gegenüber der päpstlichen erhöht werden sollte. Jedoch ließ der Kaiserinfolge seiner Sinnesänderung ihre Sache im Stiche; und außerdem verweigerten die Bischöfe,
welche befürchteten von den Erzbischöfen noch mehr als von Rom bedrückt zu werden, ab-
gemahnt von Papst und Nuntius, ihre Mitwirkung. Als vollends die Anhänger der Kuriedas Unternehmen der Erzbischöfe dem Volke als ketzerisch bezeichneten, verloren seine Urheberden Mut; es verlief sich im Sande.
Aufgerieben durch seine rastlose Thätigkeit und durch das Gefühl, daß seine wohlgemeinten,aber eben durch ihren despotischen Charakter die Gemüter abstoßenden Verbesserungen allent-halben Undank erregten, starb Kaiser Josef II. am 20. Februar 1790; aber seine Grundsätzehaben ihn in ihrer Wahrheit und Reinheit überlebt und reiche Früchte getragen. —
Das Beispiel der aufgeklärten Regierungen Friedrichs des Großen und Josefs II. bliebschon unter den anderen zeitgenössischen Herrschern nicht ohne Nacheiferung. Die meisten ihrerReformen fanden einen Nachhall namentlich in Baiern, wo unter der Wirksamkeit Maxi-milian III. Josefs, des letzten Kurfürsten von der älteren Linie (reg. 1745—1777), fürdie Verbesserung der Zustände des Landes gesorgt und mit manchen fördernden Neuerungensogar vorangegangen wurde. Die aufgeklärten Räte Sterzinger und Osterwald arbeiteten gegendie Jesuiten und kirchliche Mißbräuche; die Hexenprozesse verschwanden; das bairische Straf-gesetzbuch und Landrecht, die Akademien der Wissenschaften und Künste in München entstanden.In Sachsen vollbrachte Ähnliches die Regierung Friedrich Augusts III., der als späterererster sächsischer König von 1763—1827 auf dem Throne saß; die Folter wurde unterihm abgeschafft, die Gesetzgebung verbessert, Ackerbau und Gewerbe gehoben. Jw Hannoverfeierte unter Georgs III. von Hannover und England Regierung (1760—1811) die freieWissenschaft ihr Emporkommen. Neben diesen größeren weltlichen Staaten schritten in gleichemStreben auch die bedeutenderen geistlichen einher; so Köln unter Max Friedrich von Königseggund Maximilian Franz, dem Bruder Josefs II., Münster unter dem als Statthalter Kölnswaltenden Domherrn Franz von Fürstenberg; Trier unter Clemens Wenzeslaus von Sachsen;Mainz unter Emmerich Josef von Breidbach und Friedrich Karl von Erthal; endlich Bam-berg und Würzburg unter Franz Ludwig von Erthal. Diese Prälaten und ihre Reformenwaren jedoch von verschiedenem Charakter und Wert. Trotzdem sie die weltlichen Interessenbegünstigten und Duldsamkeit, ja selbst Gunst gegen Nichtkatholiken übten, so gelang es ihnendoch keineswegs, der widersinnigen Institution geistlicher Staaten neues Leben einzuhauchenund diese Form von Gemeinwesen vor ihrem unvermeidlichen Untergänge zu bewahren.
Mannigfaltiger indessen, als in ihrem Walten auf den Thronen, gestaltete sich das Wirkender Aufklärung unter der gebildeten Bevölkerung, wie die nächsten Abschnitte zeigen werden.