ZZg Fünftes Buch. IX. Die Aufklärung in der Wissenschaft.
Schriftstellerei und Forschung bemerkbar. Während der letztere vielgewandte Tonangeber desachtzehnten Jahrhunderts auf seine französischen Berufsgenossen höchst ungünstig einwirkte undunter ihnen Oberflächlichkeit und absprechenden Geist verbreitete, wurden bei den Engländernund Deutschen nur seine guten Seiten maßgebend: sein hervorragender Scharfsinn und seinglänzender Stil, seine künstlerische Anordnung und Gruppierung des Stoffes und seine groß-artige Auffassung der Thatsachen. Dagegen war Voltaire selbst und seinen englischen wie auchseinen deutschen Schülern — sogar so bedeutenden, ihr Vorbild weit hinter sich lassendenHistorikern wie Hume, Robertson und Gibbon — ein vollständiger Mangel an Verständnisaller ihrem eigenen Zeitalter vorangegangenen Perioden gemeinsam. Selbst die einheimischeRevolution des siebzehnten Jahrhunderts war jenen geistvollen englischen Geschichtschreiberndunkel geblieben; nur den Geist der aufgeklärten Monarchie, wie er sich in ihrer Zeit äußerteund wie sie ihn bei den besseren römischen Kaisern suchten, wußten sie zu würdigen. Daß diesanders wurde, ist deutsches Verdienst.
Bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts wurde, mit Ausnahme der Werke Pufen-dorfs (S. 271), des Begründers pragmatischer Geschichtschreibung in deutscher Sprache, aufdiesem Felde nichts Namhaftes geleistet; auf den Hochschulen aber war Geschichte entweder garnicht oder nur in einer Verbindung zweiten Ranges mit Mythologie, Poesie und Beredsam-keit oder Heraldik gelehrt worden. Mit dem achtzehnten Jahrhundert begann man die Ge-schichte in Begleitung des Staatsrechtes vorzutragen, wie in Göttingen z. B. seit dem Jahre1747 Stephan Pütter that. Sein jüngerer Kollege Johann Christoph Gatterer (1727 bis1799) war es, welcher seit 1761 ungefähr die Geschichte zur selbständigen Wissenschaft erhob,das Studium der geschichtlichen Quellen und dasjenige der Kulturgeschichte, sowie die Pflegeder historischen Hilfswissenschaften (Urkunden-, Geschlechter- und Wappenkunde) hervorrief undden ersten Grund zur Einrichtung der historischen Seminarien legte. Weit vielseitiger undunabhängiger zeigte sich August Ludwig Schlözer (1735—1809), der seit 1767 in Göttingeneine Professur der Politik inne hatte. Er schuf die synchronistisch-ethnographische Methode derGeschichtschreibung und begründete die kritische Richtung derselben in Deutschland. Die Glaub-würdigkeit der ältesten Völkergeschichten bezweifelte er bereits, besonders die der römischen.Mit Vorliebe behandelte er die Kulturgeschichte, indem er die Hervorhebung der „Erobererund Weltverwüster" tadelte, und er bestrebte sich, Gesetze für die Behandlung der Geschichtezu finden und zu formulieren. Größeres Aufsehen als durch seine historischen Werke erregteSchlözer jedoch als Politiker durch seine seit dem Jahre 1775 erscheinenden Zeitschriften (seit1782 „Staatsanzeigen"), in denen er, weit schärfer als selbst der jüngere Moser, gegen alleMißbräuche und Tyrannenlaunen, gegen Censur und Inquisition, Leibeigenschaft und Folter, gegendie Liederlichkeit der Höfe wie gegen alles Veraltete und Faule zu Felde zog. Die Feindedes Fortschrittes donnerten gegen Schlözer und verleumdeten ihn als Feind der Staatsordnungund Religion; aber weil er die britisch-hcmnoversche Regierung nicht angriff, vielmehr eifrigverteidigte, konnte man ihm nichts anhaben; erst 1796 wurde wegen einer anfechtbaren Stellesein Blatt verboten. In seinen „Zeitungskollegien" führte Schlözer seine Zuhörer, unter denensich Männer wie Freiherr von Stein und Johannes Müller befanden, in das Verständnisder Tagesfragen ein.
Damals wurde auch in dem an Historikern so reichen Göttingen der populären Kultur-geschichte durch Christoph Meiners und einer gründlicheren Quellenforschung durch LudwigTimotheus Spittler der Boden bereitet. Neben ihnen ist als hervorragendster Geschicht-schreiber jener Zeit Johannes (von) Müller aus Schaffhausen (1752—1809) zu betrachten.Er wirkte mehr in Deutschland, als in seinem schweizerischen Vaterlande, hat aber des letzterenGeschichte zum erstenmal in lesbarer, sogar klassischer, indes wenig kritischer Weise geschrieben;freilich blieb dieses Werk unvollendet. Sein vielfaches Schwanken in der Politik, im Diensteder verschiedenartigsten Regierungen, sind seine reichen Talente aufzuwiegen geeignet, welche ihnbefähigten, in seiner Schrift vom „Fürstenbunde", die eindringlichsten Mahnungen über denZustand des Reiches im neunten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts an die deutschenRegierungen und an die Nation, welche er als die seinige betrachtete, zu richten und sie