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Zweiter Band.
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Entwickelung der Geschichtswissenschaft. Letzte Hexenprozesse. Die Freimaurer. ZZ7

eindringlich zu Verbesserungen in der Verfassung des Reiches anzuregen, ohne welche, wie errichtig ahnte, der Untergang desselben nicht aufzuhalten sei.

Gleichwie die Zerrissenheit des Reiches den Anlaß zur Politisch-Historischen Schriftstellereider Aufklärungsperiode darbot, so lieferten die nur allzuviel noch spukenden Reste der Unduld-samkeit und des Aberglaubens den Stoff zur Wirksamkeit der religiös-philosophischenAutoren jenes Zeitalters. Es wurden keine Religionskriege mehr geführt; aber die kleinerenRegierungen und die Gläubigen der verschiedenen Bekenntnisse verhielten sich noch schroff ab-lehnend, ja teilweise noch verfolgungssüchtig gegen Andersdenkende. Dabei war unter demVolke weder der Wahn von den Hexen, ungeachtet der nach und nach, zuerst im Norden, dannim Süden erfolgten Abschaffung der Hexenprozesse, ausgerottet, noch waren die harmloseren,aus dem Heidentum stammenden Formen des volkstümlichen Aberglaubens, samt der mehrchristlichem Boden entsprungenen Furcht vor Gespenstern verschwunden. In Deutschland wurdenals die letzten sogenannten Hexen im Jahre 1749 in Würzburg eine siebzigjährige Nonnenach vorheriger Enthauptung, 1756 in Landshut ein Mädchen von vierzehn Jahren und 1775in Kempten die Anna Maria Schwägelin verbrannt; erst im Jahre 1783 fand in der Schweizzu Glarus die letzte Hinrichtung einer „Hexe", der Anna Göldi, durch das Schwert statt.Das Schatzgraben war unter dem Volke, die Beschäftigung mit Alchemie und Astrologie unterden Großen noch weit verbreitet, und in den Städten gab es kaum ein älteres Hans, welchesnicht in dem Rufe stand, es spuke darin.

Noch in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lehrte der Jesuit Stengel in seiner Vier-dicke Quartbände umfassenden Schrift „äs suäieüs äivinis" (von den göttlichen Strafurteilen),daß Donner, Blitz und Stürme mit Gottes Erlaubnis von Dämonen hervorgerufen würdenund in der Regel nur arge Sünder mit Vernichtung träfen. Der protestantische Pfarrer-Georg Nuber in Schwaben lehrte in seinen „oonsicmss mstsorieas", die im Jahre 1661 inUlm erschienen, daß Gott gewisse Vergehen, wie Unbußfertigkeit und Unglauben durch Stürme,Überschwemmungen, Blitz und Hagel bestrafe. Stöltzlin, auch ein Protestant, gab (1731)Gebete gegen schlimmes Wetter heraus, zu denen der Pastor Dillherr in Nürnberg eine Vor-rede schrieb, in welcher er behauptete, Gott bereite im Gewitter die Menschen auf das JüngsteGericht vor. Um dieselbe Zeit nannte Professor Scheuchzer in Zürich, der ein Saurierskelettfür das eines in der „Sündflut" umgekommenen Menschen hielt, die Stürme und Gewitter-Gottes Stimme. Und noch nachdem Franklin bereits den Blitzableiter erfunden, schrieb PastorKarl Koken in Hildesheim (1756) über „die Offenbarung Gottes im Wetter". Im Jahre1733 erklärte Dr. Theodor Arnold die Versteinerungen als Modellierversuche Gottes vor derSchöpfung.

Da war Arbeit genug für die Aufklärung. Schon während der Jahre 1739—1745wandte sich vr. Eberhard David Haub er in drei Bänden gegen den Aberglauben, namentlichgegen die Gespensterseherei. Vierzig Jahre später folgten ihm, von dem gleichen Strebengeleitet, Elias Kaspar Reichard und Ernst Urban Keller; letzterer umfaßte zum erstenmalsystematisch das ganze Gebiet des Aberglaubens, den er gründlich zergliederte. Professor-Christian Hennings in Jena schrieb in derselben Zeit gegen Ahnungen und Visionen. EinMönch, Pater Sterzinger, trat im Jahre 1766 gegen den Teufelsglauben auf. Eine Be-wegung gegen das zur Abwendung von Blitzgefahr übliche Gewitterläuten kam in Gang, indemman im Jahre 1783 berechnete, daß in dreiunddreißig Jähren vierhundert Kirchtürme durchden Blitz beschädigt und hundertzwanzig Glockenläuter erschlagen worden waren. Man setzteBlitzableiter auf die Türme, und das Unheil schwand.

Um das Jahr 1740 fanden von England her die Logen der Freimaurer, welchedort 1717 ihren Ausgang von den Bauhütten der Werkmaurer genommen und der Kunst-sprache derselben einen weltbürgerlich-moralischen Sinn untergelegt hatten, in DeutschlandEingang; zuerst in Hamburg, dann in Frankfurt am Main, Berlin und in anderen Städten.Friedrich der Große war schon als Kronprinz in Braunschweig Maurer geworden; alsKönig gründete er im Jahre 1744 die heute noch bestehende Großloge zu den drei Welt-kugeln in Berlin als oberste Bnndesbehörde für Preußen. Da das Geheimnis, mit welchen:

Deutsche Kulturgeschichte. II. 22