Band 
Zweiter Band.
Seite
338
JPEG-Download
 

ZZ8 Fünftes Buch. IX. Die Aufklärung in der Wissenschaft.

die Steinmetzen, wie jede Zunft, ihre Kunstgriffe umgeben hatten, auch von den neuenMaurern, die nicht mehr meißelten, für ihre Symbolik beibehalten wurde, so witterte dergewöhnliche Menschenverstand dahinter etwas Rätsel-, ja sogar Grauenhaftes; es bildeten sichVolkssagen aus, welche den Bund mit dem Bösen, wie man ihn sonst von den Hexen wähnte,auf die Freimaurer übertrugen und sie zugleich als Ketzer hinstellten. War doch auch derDeismus, der Glaube an einen Gott, mit Beseitigung der Dreieinigkeit, aus England ge-kommen; ließen sich doch vom orthodoxen Standpunkte die Freidenker oder Deisten so leicht zuAtheisten stempeln. Daß die Logen Leute aller Glaubensbekenntnisse aufnahmen, verstärkteden unbegründeten Ruf ihrer Glaubenslosigkeit; man warf sie einfach mit den Aufklärernzusammen, die ja in Frankreich auch vielfach Atheisten und Materialisten waren. In Deutsch-land dagegen waren die Träger der Aufklärung keine Atheisten, aber meist Deisten und oftFreimaurer.

Schon vor der Gründung deutscher Logen hatten die Freimaurer einen wunderlichen Vor-läufer in dem vielfach talentvollen, aber etwas cynischen „Lebensphilosophen" Johann ChristianEdelmann aus Weißenfels (1698—1767), der aus einem Pietisten zum Deisten nach eng-lischem Muster geworden war. Er wanderte, der Sitte jener Zeit entgegen, in langem Bartund schlechter Mennonitentracht, ein unstetes Leben führend, umher; zu Potsdam wurde er vonder Wache aufgegriffen und in das Tabakskollegium gebracht, wo er mit Friedrich Wilhelm I.eine merkwürdige Unterredung hatte, in welcher er sich dem orthodoxen König gegenüber frei-mütig als „Urchristen" bekannte. Später ergab er sich der Lehre Spinozas und schrieb über„die Göttlichkeit der Vernunft". Edelmann nannte die Natur den Schatten Gottes und kamzu dem Schluß, daß sie ebenso unendlich sei wie dieser. Die Theologen verfolgten ihn. Nachdemer im Jahre 1744 in Neuwied ein ihm abgerungenes Glaubensbekenntnis abgelegt hatte,worin er der Bibel absprach, Gotteswort zu sein, Himmel und Hölle in das Gewissen ver-legte, Christus als ausgezeichneten Menschen und den Teufel als eine Lüge bezeichnete, mußteer sein Heil in der Flucht suchen. In Hamburg wurden seine Schriften, während er selbstdort war, durch den Henker verbrannt; auch die Juden schmähten ihn. Friedrich der Großeaber ließ Edelmann ruhig in Berlin gewähren, wo er auch starb und nach seinem Wunscheohne kirchliche Gebräuche bestattet wurde.

Die späteren Aufklärer gehörten meist besserer Gesellschaft und Schule an; ursprünglichAnhänger Wolfs, bezeichneten sie sich als Rationalisten. Vorsichtiger als Edelmann, leugnetensie nichts, ohne der Religion erhebliche Zugeständnisse zu machen; während sie die Wunder unddie biblische Offenbarung verneinten, betonten sie desto eifriger die Persönlichkeit Gottes unddie Unsterblichkeit der Seele. Aber ihre Anschauung war unter ihnen durchaus nicht gleich-mäßig ausgebildet, sie fand sich in vielfachen mehr oder weniger gemilderten Abstufungen; dengemäßigteren kamen häufig Orthodoxe auf halbem Wege entgegen, um nicht von der Zeit über-holt zu werden. Ganze Rationalisten waren nur selten. Unter diesen ist als der gediegensteund achtbarste der Hamburger Gymnasialprofessor Hermann Samuel Reimarus (1694 bis1768) zu nennen. Die entschiedensten seiner Schriften wurden erst nach seinem Tode, unterdem Titel der „Wolfenbüttler Fragmente", von Lessing veröffentlicht, der sie von seiner Familieerhalten hatte. Spinoza, Wolf, Bayle und die englischen Freidenker berührten sich in Rei-marus' Standpunkt. Seinen größten Fehler beging er darin, daß er in dem Ursprünge derheiligen Geschichten Betrug erblickte, statt einer, wie die spätere Kritik erkannte, vielfach durchfromme Selbsttäuschung genährten wirklichen Überzeugung.

Gemäßigter, weil als Theolog auf seinem Gebiete bleibend, verfuhr der Hallesche Pro-fessor Johann Salomo Semler aus Saalfeld (1725—1791), der sich vom Pietismus ab-gewendet und sich dem Rationalismus zugekehrt hatte. Er verwarf den Dogmenzwang, abernicht die Dogmen selbst, welchen er eine moralische Auslegung gab, und begründete die kritischeBibelforschung und Kirchengeschichte; das Alter aber führte ihn zur Orthodoxie zurück.

Diesen Ehrenmännern gegenüber ist auch ein liederliches Element zu erwähnen, dassich unter die Aufklärer mischte und vorzugsweise in dem verdorbenen Genie des „Doktors"Karl Friedrich Bahrdt aus Bischofswerda (1741—1792) vertreten war. Ungeachtet seines