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Zweiter Band.
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Z40 Fünftes Buch. IX. Die Aufklärung in der Wiffenschaft.

ausschweifenden Lebens ward er Professor in Leipzig, Erfurt und Gießen, konnte sich jedochaus moralischen und religiösen Gründen nirgends halten. In Deutschland, der Schweiz undEngland irrte er umher; in Halle hielt er eine übelberüchtigte Gastwirtschaft. Im Jahre 1788gründete er unter dem Namen „deutsche Union" eine geheime Gesellschaft, welche unter frei-maurerischen Formen Verbreitung der Aufklärung, für die der gesamte Buchhandel gewonnenwerden sollte, und Errichtung wohlthätiger Anstalten anstrebte, aber bald wieder verschwand,nachdem ihr Stifter seine Angriffe gegen das intolerante Religionsedikt des preußischen MinistersWöllner mit Gefängnis gebüßt hatte. Bahrdts beste Schrift war das „Handbuch der Moralfür den Bürgerstand", während er in seinem zehnbändigen Werk „Ausführung des Plans undZwecks Jesu" das Neue Testament derart bearbeitete, daß er alle Wunder in abgeschmacktesterWeise natürlich zu erklären versuchte.

Als Buchhändler und Schriftsteller zugleich wirkte mehr als irgend jemand für die Ver-breitung der als aufgeklärt geltenden Grundsätze in weiteren Kreisen der Berliner ChristophFriedrich Nicolai (1733—1811), welcher gleichfalls aus der Pietistischen Sphäre hervor-gegangen war, aber in seinen Ansichten ebensoviele Wandlungen durchmachte wie die Auf-klärung selbst, die stets nur ein unsicheres Tasten blieb. So hat er nach Kräften LessingsStreben unterstützt, später aber dessen größere Nachfolger, die über seinen Gesichtskreis hinaus-gingen, gelästert. Wie Nicolai trotz seiner Aufklärung als frommer Christ lebte und starb, sobetonte Moses Mendelssohn (1729—1786), der unter den Aufklärern den damals nochzurückgesetzten semitischen Stamm vertrat, seine Gesinnung als frommer Jude. Man verstehtdie Seltsamkeit des Umstandes, daß dieser aufgeklärte Geist, sobald es sich um das Judentumhandelte, der Aufklärung Halt gebot, nur dann, wenn man bedenkt, daß es sein Strebenund auch sein Gelingen war, seine Stammes- und Glaubensgenossen aus ihrem geistigenVerfalle in den Bereich der europäischen Kultur hereinzuziehen; wollte er das, so mußte er ihreVorurteile schonen. Die Juden waren damals in ganz Deutschland, ja fast in ganz Europa nurgeduldet; sie durften durch ein Gewerbe ihren Unterhalt gewinnen und im stillen ihren Gottes-dienst üben, Synagogen aber durften sie nicht errichten. Jeder einzelne mußte die Erlaubnisim Lande zu leben, durch Lösung eines Schutzbriefes erkaufen. Um für Mendelssohn einensolchen zu erhalten, wandte sich der Marquis d'Argens, einer der von Friedrich herbei-gezogenen und begünstigten Franzosen, mit dem originellen Gesuch an den König: „Ein nichtallzu katholischer Philosoph bittet einen nicht allzu protestantischen Philosophen, einem nichtallzu jüdischen Philosophen das Schutzprivilegium zu geben; es ist soviel Philosophie dabei, daßes die Vernunft gewiß billigt." Mendelssohn hat durch seine im Jahre 1783 erschieneneSchrift „Jerusalem", welche in begeisterter Sprache die Rechte der Juden auf Glaubens-freiheit verfocht, den kräftigsten Anstoß gegeben, daß dieses Recht den Unterdrückten erteiltwerde —; ihm haben es die Juden zu verdanken, daß ihnen überhaupt deutsche Kultur zu-gänglich werden konnte. Er selbst war indessen so wenig ausschließend in seinem Judentum,daß er sich in seinem „Phädon", einer Verteidigung der Seelenfortdauer, dem antik-christ-lichen Geiste so sehr näherte, wie es seit Philon kein Jude mehr gethan hatte. Geister wieKant und Lessing, die zwei größten Deutschen des achtzehnten Jahrhunderts, welche dieSäulen der Philosophie und der Poesie unseres Landes geworden sind, haben MendelssohnsVerdienste gewürdigt.

Mit den philosophisch-religiösen Bestrebungen des Zeitalters der Aufklärung hängen zu-nächst diejenigen zusammen, welche das Erziehungswesen im Geiste der Aufklärung um-zugestalten unternahmen. Es ist merkwürdig, in wie vielen Punkten die Keime der Aufklärungdem Pietismus entsprungen sind. Auch der erste Schritt zu einem Herausgehen der deutschenSchule aus beinahe hundertjährigem Stillstand hat sich in Halle, der Pietistischen Hochburg,vollzogen, wo der Professor und Prediger Christoph Semler im Jahre 1739 die ersteRealschule gründete. Damit war ganz im Sinne der Aufklärung eine Bresche in die Allein-herrschaft der klassischen Sprachen gebrochen, eine Erhebung des Mittelstandes aus der Ab-hängigkeit von den Gelehrten angebahnt, wie sie freilich bereits seit längerer Zeit durch dasEindringen der Grundsätze des Comenius, d. h. der Vielseitigkeit des Bildungsstoffes, in die