Z44 Fünftes Buch. IX. Die Aufklärung in der Wissenschaft.
durch Angabe von Eigenschaften der durch sie bezeichneten Dinge erraten, auch ließ er — Tier-stimmen nachahmen! Es wurde durch ein Gemälde gezeigt, daß den Kindern auch die Her-kunft des Menschen gelehrt worden, damit sie wüßten, daß sie der Mutter ihr Leben verdanktenund nicht dem Storche! Im Rechnen produzierten sich die Schüler mittels Aussprechenskolossaler Zahlenreihen; im Zeichnen dadurch, daß sie den absichtlich falsch zeichnenden Wolkeverbesserten. An jedem der drei Prüfungstage wurde ein von Basedow erdachter, höchstnüchterner deistischer Gottesdienst gehalten. Die Feierlichkeit wurde geschlossen mit der Auf-führung, eines französischen und eines deutschen Lustspiels durch die Zöglinge und von Basedowmit einer Rede, in welcher er um Unterstützung seiner Anstalt bat. Diese wurde ihm vor-nnd nachher auch reichlich entgegengebracht; ausländische und deutsche Fürsten, sogar Klöster
beteiligten sich daran; die Freimaurer, weil siein seinem Werke eine Förderung ihrer Sachezu erblicken glaubten; die Juden, weil sie da-von einen Erfolg für ihre Emanzipation er-hofften. Kant und Mendelssohn lobten inhohem Maße Basedows Methode; aber auchzahlreiche Gegner fand die in derselben liegendegeistlose Abrichterei.
Das mit so großen Erwartungen begrüßteUnternehmen hatte natürlich keinen Bestand:Basedow und Wolke zerfielen und stritten sichöffentlich in Schmähschriften herum. Erstereraber machte sich durch sein unordentliches Lebenund seinen unverträglichen Charakter unmög-lich; er starb in Armut, kurz nachdem seineTochter Emilie einen Geistlichen geheiratethatte. Andere Männer aber, neben Wolkevornehmlich die berühmten Erzieher JoachimHeinrich Campe und Christian Gotthilf Salz-mann verstanden es, dem Philanthropin einneues Leben einzuhauchen. Die Zöglingemußten Handwerke erlernen und landwirt-schaftliche Arbeiten verrichten, dem Standes-dünkel und der Modesucht entsagen, einfacheKleider nach Matrosenart tragen und Fuß-reisen machen. Im Jahre 1782 hatte dieAnstalt dreiundfünfzig Schüler aus allen Län-dern Europas; sie fand Nachahmungen inDeutschland und der Schweiz, in welchenauch der berüchtigte „Doktor Bahrdt" aufseine frivole Weise lehrte. Das beste Institutdieser Art war fraglos dasjenige, welches Salzmann mit Unterstützung des Herzogs vonGotha im Jahre 1784 zu Schnepfcnthal gründete. Auch dieses wurde aus ganz Europabesucht. In Schnepfcnthal wurde jeder Zögling angehalten, neben den Schularbeiten einGewerbe oder einen Handel mit Schreibmaterialien, Lebensmitteln und dergleichen zu treiben.Alle Schüler wurden bis zum Antritt eines Lebensberufes, die künftigen Gelehrten aber biszur Prima ausgebildet. Auf Abhärtung und körperliche Übungen wurde viel gehalten, eben-soviel aber auch auf Veredelung des Gemütes hingearbeitet. Aus den Leibesübungen dieserAnstalt hat sich durch die Thätigkeit eines ihrer Lehrer, Friedrich Guts Muths (1795)die deutsche Turnerei entwickelt. Campe, der ein ähnliches Erziehungsinstitut in Hamburgleitete, später aber in Braunschweig als Schulrat wirkte, vertrat den Standpunkt des Philan-thropins in der Schriftstellerwelt, und zwar mit besonderem Glück in seinen Jugendschriften.
Faksimile des Titelbildes zu Campes Robinson.Radierung von Chodowiccki. Originalgröße.
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