Faksimile der Vignette von Daniel Chodowiecki zu Lavaters Physiognomiken Fragmenten.
Erster Abschnitt.
Sturm und Drang.
I las Zeitalter Friedrichs des Großen glich einem hell zündenden, in die schwüle, drückendeDunsthülle der deutschen Reichszustände derb hineinschlagenden Gewitter. Des Königsungewöhnliche Thaten in Krieg und Frieden versetzten alle Gemüter, die noch einen Funkenvon Jugendlichkeit besaßen, umsomehr aber die noch wirklich der Jugend angehörenden, in einenZustand der Aufregung, der sie zu einer ruhigen Sammlung unfähig machte und zu den selt-samsten, tollsten Einfällen des Übermutes oder der Laune — je nach dem Temperamente —verleitete.
Ebensoviel aber, wie jenes erfrischende, Wetter, das von Preußen her Deutschland auf-rüttelte, trug zur Erregung der Gemüter der Gegensatz zwischen dieser blendenden Erscheinungund den faulenden Zuständen vieler kleineren Höfe bei. Die „Staatsraison" (S. 200 f.) undder Jammer der Kleinstaaterei (S. 307) gipfelten gerade zur Zeit des „alten Fritz" in Vor-fällen, die bald beißenden Spott, bald glühenden Zorn herausfordern mußten.
Das lächerlich steife Ceremoniell, welches an diesen Höfen wenigstens vor der Weltherrschte, führte einmal beinahe zu einem Kriege zwischen zwei kleinen deutschen Fürsten. DerHerzog Anton von Sachsen-Meiningen (1687—1763) hatte eine Bürgerliche, Philippine Cesar,geheiratet, Kaiser und Reich aber erkannten die Ebenbürtigkeit seiner Kinder nicht an. Darausentsprang eine große Erbitterung des Herzogs auf den Adel, in welcher er einst (1746) eineGräfin schwer beleidigte, indem er einer Dame geringeren Ranges den Vortritt vor ihr gewährteund, als sich die Gräfin dieser „Schmach" nicht fügte, sie und ihren Gatten im Gefängnis
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