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Zweiter Band.
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Sechstes Buch. I. Sturm und Drang.

büßen ließ. Auf die Beschwerde von Freunden der Bestraften beauftragte das Reichskammer-gericht den Herzog Friedrich III. von Gotha, die Gefangenen zu befreien, und es kam darüberzwischen beiden Fürsten zu einem kleinen Feldzuge, in welchem ein Mann fiel. Friedrichder Große mußte zwischen den unversöhnlichen Parteien schlichten und erhielt für seine Mühe— zweihundert weimarische Gardisten, über welche der Herzog von Gotha als Vormund desminderjährigen Weimarers verfügte.

Aber dieser Menschenhandel war doch nur harmlos zu nennen im Vergleiche mit jenem,der einige Jahrzehnte später den edel denkenden Teil der civilisierten Menschheit mit Ent-rüstung erfüllte. Als das britische Reich zur Unterdrückung seiner aufständischen Kolonien inNordamerika zahlreicherer Truppen bedurfte, als es selbst aufzubringen vermochte, ergriffen kleineHöfe Westdeutschlands diese Gelegenheit mit Eifer, um ihrer schweren Schuldenlast ledig zuwerden. Der Erbprinz, Graf Wilhelm, von Hessen-Kassel, dessen Vater, Landgraf Friedrich II.sowie drei seiner Vorgänger, schon seit hundert Jahren durch Soldatenschacher ihre Prachtliebebefriedigt hatten, war der erste, welcher im Jahre 1775 dem englischen König seine Unter-thanen zum Kauf anbot. Der Fürst von Waldeck folgte, und der verschwenderische HerzogKarl von Braunschweig ging zuerst auf den Handel ein, den England ihm vorschlug. DerKönig erhielt aus Braunschweig 4300 Mann. Er zahlte für jeden 51^ Thaler Werbegeld,mußte ebensoviel für jeden Gefallenen und zehn Kronen für jeden Verwundeten vergüten,außerdem aber 64 500 Kronen für jedes Kriegsjahr und das doppelte für jedes der zweinächsten Jahre nach dem Kriege zahlen. Von Hessen-Kassel erhielt Georg III. auf zehn Jahrefür jährliche 772 600 Thaler zwölftausend Mann — auf dem Papier; denn in Wirklichkeitstellte der Landgraf weniger, weil er die Leute selbst zu besolden hatte; auch verzichtete er fürseinen großen Gewinn aus dem Geschäfte auf die für die Toten und Verwundeten bedingteZahlung. Der Erbprinz Graf Wilhelm, welcher in Hanau besondern Hof hielt, lieferte788 Mann für 29 550 Kronen jährlich; Waldeck 668 Mann für 25 050 Kronen jährlichund Anhalt-Zerbst eine ähnliche Zahl zu entsprechendem Preise. Im ganzen sind damals29 875 Deutsche nach Amerika verkauft worden; nicht viel mehr als die Hälfte ist von ihnenzurückgekehrt!

Mit Württemberg kam in gleicher Sache ein Menschenhandel nur deshalb nicht zu stände,weil der Herzog seine Soldaten nicht „anständig auszurüsten" vermochte. Im übrigen warKarl Eugen, der Sohn und Nachfolger des Herzogs Karl Alexander, unter welchem „JudSüß" sein Wesen getrieben (S. 202), obschon erzogen unter den Augen des großen Friedrichund von ihm zum Guten angehalten, einer der abscheulichsten Tyrannen jener Zeit. Er bezogseit 1752 Hilfsgelder von Frankreich, um Truppen zu dessen Verfügung zu halten; er thatdies aber nicht, sondern verschleuderte das Geld für Vergnügungen jeder, auch der unsauberstenArt, in welchen er mit König Ludwig XV., der ihn bezahlte, wetteiferte. Als Karl Eugendann gezwungen wurde, seine Verpflichtungen zu erfüllen, und doch nach den hergebrachtenRechten seines Landes keinen einzigen Mann zum Dienste zwingen konnte, schritt er, vomObersten Rieger beraten, ohne Scheu zum Rechtsbruche und ließ seine Unterthanen mit Ge-walt zu Soldaten ausheben, die dann bei dem ersten Anlasse — meuterten und ausrissen.„Um das Entkommen der Ausreißer zu verhindern, mußten die Nachtwächter die Nebenwegelängs der Dörfer alle Nacht auf- und abstreifen. Wurde Lärm gemacht, so hatte die auf-gerufene Gemeinde sofort alle Brücken, Straßen und Fußsteige zu besetzen. Nicht

selten kam es mit Ausreißern, die sich nicht ergeben wollten, zu förmlichen Gefechten, beidenen arme Familienväter Leben oder Gesundheit verloren. Wer aber einen Ausreißer auf-nahm oder nicht zur Anzeige brachte, wurde für sich und die Seinen des Bürgerrechts beraubtund ins Zuchthaus gebracht, wo er unter wiederholtem „Willkomm" (d. h. Stockstreichen) zuharter Arbeit angehalten ward." Dieses Schreckensregiment, in welchem der französische GrafMontmartin als württembergischer Minister den Herzog bestärkte, brachte selbst die lang-mütigen Schwaben zum Widerstände und in dessen Verlauf den Wortführer der „Landschaft",Johann Jakob Moser (S. 334), auf den Hohentwiel. Friedrich der Große sah sich zuenergischem Einschreiten bei dem Kaiser gegen Karl Eugen veranlaßt und führte dadurch nach