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Zweiter Band.
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Einführung des englischen Parkstils. Schwärmerei für Liebe und Freundschaft. Z69

durch de Saussure, Fahrten nach der Riesengruppe des Montblanc unternommen wurden. Seit1776 kamen Alpenansichten und Kostümbilder aus der Schweiz in den Handel; Schweizer-,Tiroler- und Steirerlieder wurden überall beliebt. Der erste, der in tiefster Seele von derEinwirkung der Reize des europäischen Hochlandes ergriffen wurde, war der im Anblicke desMontblanc aufgewachsene Rousseau. Er hat indes diese Gefühle zugleich mit revolutionärenIdeen verbunden, und ist dabei soweit gegangen, die Künste und Wissenschaften, ja die Kulturüberhaupt als einen Abfall von der Natur zu verurteilen. Wie seine Erziehungslehre, so hatteseine Staatslehre die Rückkehr zur Natur als Losungswort angenommen. In der That aberführten die Konsequenzen seines Gesellschaftsvertrages auf eine von ihm gewiß nicht geahnteWeise zur Niedertretung der Kultur und der Humanität selbst, für die er geschwärmt hatte,und zu nichts weniger als zur Schönheit der Natur, — höchstens zur Anarchie der Natur,in ihrem gegenseitigen Vernichten und Vernichtetwerden.

Rousseau, der das Familienleben der „Wilden" für sich selbst zur Thatsache machte, hatauf die Franzosen mehr mit seinen anfechtbaren Seiten, auf die Deutschen aber mehr mitseinem Streben nach dem Idealen, gewirkt. Die Greuel der von seinen Schülern durchgeführtenSchreckensherrschaft und die schöne Entwickelung, zu welcher die Keime seiner Lehren inDeutschland sich emporrangen, bezeugen dies klar. Seit seinem Auftreten nahmen die Natur-wissenschaften einen bedeutenderen Aufschwung als je vorher, und unsere großen Dichter be-rühren sich in ihren Anfängen mannigfach mit Rousseaus Bestrebungen. Zugleich mit seinemEinfluß und mit der Einführung der englischen Litteratur in Deutschland drang auch hier anStelle der steif zugeschnittenen Gärten im Stile Ludwigs XIV. (S. 246), welche samt derfranzösischen Litteratur ihren Reiz in jener Zeit verloren, der die Natur in aller Zwanglosig-keit vertretende englische Parkstil ein. Den ersten „englischen Garten" in Deutschland legteder Freiherr Otto von Münchhansen bei Hameln an, welchem bald darauf, zuerst in dem da-mals mit England verbundenen Hannover, andere folgten. Eine wissenschaftliche Theoriedieser neuen Liebhaberei stellte Professor Hirschfeld in Kiel auf, indem er den Zweck der Garten-kunst in der Vereinigung möglichst vieler Naturschönheiten auf einem Platze suchte. Die künst-lichen Seen, Grotten, Felsen, Berge und Wasserfalle kamen in Mode; dazwischen stellte manchinesische Pagoden, türkische Kioske, ägyptische Pyramiden und Obelisken, griechische und römischeTempel, Einsiedeleien, Ruinen, Statuen und Vasen in genialer Unordnung auf. Die berühm-testen Beispiele der am Ende des sechsten und im siebenten Jahrzehnt des achtzehnten Jahr-hunderts angelegten Parke waren die zu Wörlitz bei Dessau, zu Nymphenburg bei München,auf der Wilhelmshöhe bei Kassel und in Schwetzingen bei Mannheim.

Nicht minder als in der Natur suchte die Unzufriedenheit mit den bestehenden ZuständenErsatz in der Liebe und in der Freundschaft. — Man liebte zwar schon fast hundert Jahrefrüher, nicht ohne vorn Pietismus (S. 273 sf.) dazu angeregt zu sein, das Rührende, Ergreifende,feierliches Anvertrauen von Geheimnissen, Versöhnungsscenen, andächtige Stimmungen, Thränenund Seufzer. Aber anhaltend und fast systematisch wurde erst in der hier geschilderten Zeit,in Briefen, Büchern und Tagebüchern die Erwähnung solcher Affekte, das Aufzählen öfterenund längeren Weinens und rührender Situationen, bis es zuletzt auf die Spitze getrieben wardund die Verehrung, ja Anbetung der Frauen in schwärmerischem und überschwänglichem Maßegepflogen wurde. Auch hierin war Rousseau durch seine „Neue Heloise" ein beliebtes Mustergeworden, nach welchem in den damaligen Romanen Stimmungsbilder gemalt wurden, wiedieses: „Die kühle Dämmerung, das Schweigen im Gefilde, der blaßgelbe Himmel und dieeinschlummernde Natur erfüllte sie mit einer Wehmut, die sie fast zu Thränen bewegte. Sieschwiegen oft lange still; dann stieg ein Seufzer ihre Brust herauf, sie suchten ihn zu verbergenund ihre Hände drückten einander." Nahte eine Abschiedsstunde heran, so kam es zu hervor-brechenden Seufzern und herabriesclndeu Thränen, die seitenlang beschrieben wurden. DieLiebenden warfen Blumenblätter ins Wasser. „Die Blätter schwammen einander nach, dieLiebenden verfolgten sie mit ihren Blicken und freuten sich, daß die Blätter miteinanderschwammen." Seufzend, thränend und küssend ließen sie die Schrecken eines Gewitters oderden süßen Zauber des Mondscheins auf sich einwirken. — Der Anblick von Gräbern versetzte

Deutsche Kulturgeschichte. II. 24