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Sechstes Buch. I. Sturm und Drang.
Berliner Trachten im 18 . Jahrhundert.Faksimile der Radierungen von Daniel Chodowiecki.Originalgröße.
die Empfindsamen der Zeit in elegische Stimmungen.Wiedersehen von Bekannten nach langer Trennung er-füllte sie mit Wonneschauern. Starke Gemütsbewegungenmachten die Leute oft krank; unglückliche Liebe gab ihnennicht selten den Todesstoß. Freundschaften schlössen sieunter Schwüren und Ceremonien; oft genug aber warensie nicht ernstlich gemeint oder nur vom Interesse ein-gegeben. Auch wurde, in seltsamem Widersprüche mitdem überall hervortretenden Zuge von Innerlichkeit, meistnicht aus Liebe geheiratet, sondern aus PraktischenGründen; etwa in der Hoffnung auf ein bequemeresund angenehmeres Leben, oder in dem Streben miteinflußreichen Personen in Verbindung zu kommen.Darum trat auch in Geldsachen die sonstige Zartheit desEmpfindens auffallend zurück; Geschenke, selbst plumpangebotene, fanden meist unbedenkliche Annahme. EinLiebesverhältnis zwischen Adeligen und Bürgerlichen,welches die Ehe in Aussicht nahm, wurde wie ein Ver-brechen angesehen und galt für schlimmer, als wennherabgckommene Edelleute, deren Horizont die Jagd aus-füllte, sich Maitressen von niederster Herkunft hielten.
Jene ganze Empfindelei hatte etwas Weibisches;trefflich Paßten zu ihr die rasierten Gesichter und dieweichliche Art der Mode, welche den größten Teil desachtzehnten Jahrhunderts über in der Tracht herrschte(S. 300 ff.). Dieselbe erlitt aber doch wesentliche Ver-änderungen bereits am Ende des siebenjährigen Krieges,als die größeren Höfe, namentlich die von Wien undBerlin, auf Vereinfachung der Kleidung, besonders durchEntfernung der Allongeperücken und der Goldstickereien,hinwirkten. Freilich geschah dies noch unter Beibehaltungder französischen Mode und unter Anschluß an ihreLaunen, jedoch that denselben der während der Kriegs-zeit aufgekommene Gebrauch der Männer, sich militärischzu tragen, manchen Abbruch. Wirklich kriegerisch aberhat diese Tracht nie ausgesehen; vielmehr war dasGegenteil der Fall, soweit immer Halskrausen und Spitzen-manschctten den Rock, und der Puder das Haupt zierenmußten.
Allein die Freiheitsideen, welche teils direkt ausAmerika, teils über Frankreich nach Deutschland kamen,beeinflußten auch das deutsche Kostüm. Die Jugendtrug um 1784 das Haar bereits wieder lang, wie eswuchs, ohne Puder und bedeckte den Kopf mit einer ArtSchlapphut. Der Rock bekam nun enge Ärmel ohneManschetten, die Weste aber einen breiten Überfallkragen.Dazu wurden knapp anliegende Beinkleider von HellemTuch in hohen Stiefeln getragen, in der Hand derKnotenstock (Tafel zu S. 300 Fig. 7). Das galt in derZeit des „Sturmes und Dranges" für „frei" und„deutsch". So weit ließ es der ehrsame Bürger, beiwelchem aber auch schon die Freiheitsideen zu keimen