Die Tracht in der zweiten Hälfte des18.Jahrh. Der Zug zum Wunderbaren. Lavater. Z71
begonnen hatten, noch nicht kommen; er trug noch Perückemit Zopf oder Haarbeutel. Sein Rock erinnerte nochan die Form von 1760, die Weste war gestickt. DasBein aber war mit der knappen Tuchhose bekleidet, welcheeinen breiten Latz und eine Uhrtasche hatte, aus der dieVerlognes der Uhr herabhingen. Der hohe Stiefel hatteeinen Stülp von Hellem Leder nach englischer Art (Fig. 8).Ältere Leute trugen den breiten zweiseitigen Hut L 1'^.n-ärosinnns, mit großer Bandkokardc (Fig. 9). Im Winterward der weite Überrock von gestreiftem oder gemustertemWollenstoff, mit hohem stehenden Kragen und breitenAufschlägen ausgestattet, über den Rock gezogen. End-lich erschien 1780 der blaue Frack mit gelben Knöpfen,die Werthertracht, der runde spitze Hut und somit derGeburtstag der Tracht unserer Tage.
Auch die Frauen strebten in ihrer Tracht nachgrößerer Freiheit; der Reifrock mit seinen Anhängselnverlor an Beliebtheit und wurde durch ein angeblichgriechisches Kostüm mit hoher Taille und ohne Schnür-leib ersetzt.
Neben die Naturschwärmerei und die Empfindsam-keit trat, als weitere Art und Weise der Flucht ausdem unfreien Alltagsleben, eine Hinneigung zum Wunder-baren, zum Rätselhaften und Geheimnisvollen. Undsogar eine Rückkehr zu einer Frömmigkeit, welche mitjener der Pietisten manche Ähnlichkeit hatte, verband sichdamit. Es war dies auch keineswegs eine erstaunlicheErscheinung. Die mehr oder weniger aus Mode derAufklärung anhängenden Geistlichen verstanden unter der-selben vielfach eine Abwendung vom Idealen zum Realen,und so verfielen sie in die Verirrung, auf der Kanzelfast nur ganz platte und alltägliche Dinge zu behandeln.Es soll damals vorgekommen sein, daß Prediger amChristtagc an der Krippe des Jesuskindes Betrachtungenüber die Stallfütterung anstellten, am Charfreitag überden Wert der Bildnisse Verstorbener, zu Ostern überdas Frühaufstehen oder die Gespensterfurcht, am Pfingst-fest über das Gewitter, bei Anlaß der Heilung desMondsüchtigen über den Mondschein sprachen. Dieseflache Salbaderei hatte denselben Erfolg wie mehr alsein Jahrhundert früher das dogmatische Gezänke: sieweckte das Bedürfnis nach einem „innerlich lebendigenChristentum". Der hervorragendste Vertreter der Be-friedigung dieser Sehnsucht war der in Zürich geborenePrediger und Schriftsteller Johann Kaspar Lavater(1741—1801). Er behauptete die stete Fortdauer derBegabung zum Weissagen und Wunderwirken, war da-bei aber durchaus nicht engherzig; vielmehr berücksichtigteer stets die Zeitverhältnisse, billigte mäßige Vergnügungenund war thatsächlich ein Vater der Armen und Un-glücklichen. Die Zeitgenossen schildern seine Erscheinungals höchst ideal, die Schwärmer sogar als „überirdisch,
Berliner Trachten im 18 . Jahrhundert.Faksimiles der Radierungen von Daniel Chodowiecki.Originalgröße.
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