Jacobi. Herder. Die Stürmer und Dränger.
379
Hauptsache. Sie waren die Revolutionäre in der Litteratur, wie die gleichzeitigen Jllumi-naten im Leben, und wie diese die entschiedenen Gegner der mit ihnen aus demselbengeistigen Mutterschoße hervorgegangenen Frömmler, Geisterseher, Goldmacher und Rückschrittler.Aber auch eine Lichtseite fehlte diesen wilden Gesellen nicht. Sie knüpften an Lessing undKlopstock an und zählten die größten Heroen unserer Litteratur in ihrer feurigen Jugendzeitzu den ihren. Auch ist hervorzuheben, daß ebensowohl der Ruhm einer bedeutenden Ver-besserung der von Klopstock begonnenen Anlehnung an die antike Form und der Übertragungaltklassischer Dichter ihnen zukommt, wie auch, in Ergänzung von Herders Wirken, der Haupt-anteil an der — zwar schon von Bodmer begonnenen, aber erst durch die Stürmer und Drängerin weiteren Kreisen zur Thatsache gewordenen — Wiederbelebung des deutschen Altertums. Durchsie haben die Gedichte des Mittclalters und die geschichtliche Erforschung desselben das In-teresse gewonnen, welches sie seitdem andauernd bewahrt haben.
Diese Tendenzen drückten sich denn auch in den Briesen, oder wie sie selbst solchenannten, den Zetteln und Wischen der Stürmer und Drängcr und fast der gesamten litte-rarisch gebildeten Mitwelt aus. Gellerts Schule (S. 351) war für sie überwunden undKlopstock ihr „Messias". Ihr Stil war knapp, abgerissen, voll von Gedankenstrichen und Aus-rufungszeichen, Dialektausdrücken und Abkürzungen. Eine Etikette kannten sie nicht mehr,fremde Sprachen kamen nur noch in komische Anwendung und die frühere Servilität schwanddahin. Man rief nach Natur, nach Kämpfen und Thaten. Wilde Derbheiten wechselten mitsentimentalen Anwandelungen im bereits (S. 369) geschilderten thränenreichen und zärtlichenGeiste. Ost waren die Briefe in Versen abgefaßt. Mit mehr Maß und Anmut schriebendie Frauen, wenn schon Liebesbriefe freilich die tiefste Leidenschaft atmeten und oft in Sinn-lichkeit ausarteten, Freundschaftsbriefe aber an Verliebtheit grenzten und an Offenheit nichts zuwünschen übrig ließen.
^ Die Periode des Sturmes und Dranges in der Poesie ist so eng zwischen die letztenJähre der Aufklärung und die ersten Tage unserer klassischen Blütezeit eingekeilt, daß zumVerständnis ihrer Erscheinungen eine kurze chronologische Zusammenstellung der Hauptmomentedieses Zusammenstoßens von drei verschiedenen litterarischen Entwickelungsstufen der letztenZeit des vorigen Jahrhunderts in deutschen Landen erforderlich ist.
Im Jahre 1767 war Lessings „Minna von Barnhelm" an das Tageslicht getreten.Schon im folgenden Jähre tauchte das erste Werk auf, welches den Charakter des Sturmes undDranges trägt, Wilhelm von Gerstenbergs „Ugolino", eine Dramatisierung des von Dantegeschilderten Hungertodes jenes trotzigen Ghibellinen von Pisa, ein wildes Wühlen im Herzendes Lesers oder Hörers durch Entfesselung aller Schrecken des Leidens und der Verzweiflung.Im Jahre 1772, in dem auch Lessings „Emilia Galotti" erschien, entstand der GöttingerHainbund, 1773 Goethes „Götz" und die erste deutsche Ballade, Bürgers „Leuore"; 1774Goethes „Werther" zugleich mit Basedows Elcmcutarwerk; im Jahre 1775 kam Karl Augustvon Weimar zur Regierung und zog Goethe an sich; 1776 erschien Klingers „Sturm undDrang"; 1779 „Nathan der Weise" und 1781 zugleich mit Kants „Kritik der reinen Ver-nunft", durch welche die einseitige Aufklärung überwunden wurde, trat Schiller mit seinen„Räubern" hervor, denen nach zwei Jahren „Fiesco", nach einem weiteren „Kabale undLiebe" folgten. Endlich 1787 endete, nach unserer Auffassung, nicht ganz zwanzig Jahrenach seinem Anfang, der Sturm und Drang mit Heinscs „Ardinghello". Der im gleichenJahre erscheinende „Don Carlos" und der im nächsten folgende „Egmont" tragen, wenn auchnoch das Wappcnzeichen der „Kraftgcnieperiode", so doch bereits den Grundcharakter des Klassi-schen an der Stirne.
Diese Übersicht zeigt, daß es Stürmer und Dränger gab, die nur eine Gegenwart undsolche, die auch eine Zukunft hatten. Zu diesen gehören Goethe und Schiller, unsere unerreichtenDioskuren, zu jenen die übrigen in diese Gruppe mit einzubegreifenden Dichter, die wir inkurzen Zügen voranstellen. Nach Gerstenberg that sich zuerst Daniel Friedrich Schubart inder Art und Weise der Kraftgenialität hervor. Der junge Musiker und Dichter, der sicheinem ausschweifenden Leben in die Arme geworfen hatte, welches er mit cynischer Offenheit