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Sechstes Buch. I. Sturm und Drang.
In diesem Kreise stand auch der hier nur kurz zu erwähnende sogenannte PhilosophFriedrich Heinrich Jacobi aus Düsseldorf (1743—1819), welcher in Brief-, Gespräch- undRomanform das Unmögliche einer „Philosophie des Glaubens" zu verwirklichen suchte, — einerPhilosophie, welche an dem Beispiele Spinozas beweisen sollte, daß jeder Versuch, die Dingebegreifen und erklären zu wollen, also jede Philosophie, zum Atheismus führe. Seit demJahre 1787, in welchem von ihm das Gespräch „David Hume" erschien, verwandelte er seinenKampf gegen die Philosophie in einen Zuschnitt derselben nach seinem individuellen Glauben,womit er indessen wenig Anklang fand.
Zwischen diesen beiden verschollenen Gegnern Kants steht dem Alter und dem Wirkennach ihr Freund Johann Gottfried Herder (1744—1803). Gleich Kant und Hamann warer ein Ostpreuße; von der Richtung jener nahm er zwar seinen geistigen Ausgang, aber da-durch, daß er diese Richtung zu überwinden und sich einen höheren, von Parteieifer reinenGeistesflug anzueignen wußte, hat er den Anspruch auf jene Unsterblichkeit erworben, welcheseinen anfänglichen Freunden versagt blieb. Zuerst ein Werkzeug verworrener Eindrücke, dieseine Richtung oft veränderten und den aus Pietistischen Kreisen hervorgegangenen jungen Theo-logen zwischen der Aufklärung und dem unklaren Streben nach einem Gemütsideal umherwarfen,wurde Herder aus einem Schüler Hamanns und Freunde Jacobis ein Nacheiferen Lessings,ein Lehrer Goethes und sein Wirken ein eigentlicher Markstein in der Geschichte der deutschenLitteratur. Wie Lessing die Nachahmung fremder Muster überwunden, so begründete Herderdie Wertschätzung fremdländischer Verdienste auf dem Gebiete des Schrifttums, so setzte er andie Stelle der Nachahmung die Übertragung. Er ist der erste Vertreter des litterarischenKosmopolitismus der Deutschen. Gerechtigkeit gegen alle Völker und alle Zeiten, Anpassungihrer litterarischen Erzeugnisse an das deutsche Verständnis, das ist der rote Faden, der Her-ders Hauptwerke durchzieht; die vergleichende Litteraturkunde und die philosophisch aufgefaßteKulturgeschichte sind seine Schöpfungen. Mehr Einführer fremder Dichtungen, als selbstDichter, hat er in den „Stimmen der Völker in Liedern" (1778 f.) zum erstenmale indeutscher Sprache die Gesänge der Naturvölker ferner Zonen erklingen lassen und sie nebendie Dichtungen des biblischen und des klassischen Altertums, der deutschen Vorzeit und derneuzeitlichen Nationen gestellt. Er vermittelte uns den spanischen Nationalhelden Eid, machtedie indische Poesie in Deutschland bekannt und begründete die kritische Schätzung Shakespeares.Sein selbständiges Schaffen in ungebundener Sprache überwand die einseitige Richtung derfrüheren Aufklärer. Während diese in der Bibel nur ein Organ des Aberglaubens und in denPriestern nur Betrüger erblickt hatten, lehrte Herder in jener das Schöne und Erhabene be-wundern und die Verdienste dieser um die Kultur anerkennen. Seine „Ideen zur Philosophieder Geschichte der Menschheit" (seit 1784), obschon sie unvollständig und dem Inhalte nachveraltet sind, haben ihren bleibenden Wert sowohl durch die in ihnen züerst auftretende ver-gleichende Betrachtung der Natur und Kultur, wie durch die Gleichstellung der früher alsheilig angesehenen mit der sogenannten profanen Geschichte.
Auf diese Weise erhob sich Herder, welcher seit 1776 in dem damals zukunftreichenWeimar lebte, aus dem Sturm und Drang, der sich bei ihm nicht in vollendeten Werken,sondern nur in Entwürfen und Tagebüchern kundgab, zu vielseitiger und fruchtbarer Thätigkeit.Während dessen stürmten und drängten die jungen Dichter jener Zeit, die Original- oderKraftgenics, wie man sie nannte, ungestüm weiter; der ganzen regellos wallenden und brau-senden Gärung ihres aufgeregten Zeitalters setzten sie die dichterische Spitze auf, durch welchesie sich als Himmelsstürmer zeichneten. Der gemeinsame Zug, der diese Dichter verband, wareine souveräne Geringschätzung aller Regeln der Kunst und die Lust, eine Sprache zu führen,die als Ausfluß eines Genies galt, welches sich über alle Rücksichten erhaben fühlte. Möglichstrauh, derb und kräftig mußte diese Sprache sein; namentlich sollte sie an die schlagenden Spott-und Witzreden der Volks- und Schenkenscenen des großen Briten erinnern, dessen Feinheitenund Lieblichkeiten dagegen ohne Nacheiferung blieben. Ebenso begeisterten sich diese Dichterfür Rousseaus Liebe zur Einsamkeit und seinen Haß gegen die Kultur, ohne jedoch seineklassische Sprache anzunehmen. Etwas Neues, nicht Dagewesenes zu bringen, galt ihnen als