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Zweiter Band.
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Z88 Sechstes Buch. II. Die klassische Blütezeit des deutschen Geisteslebens.

die Freiheit bringen wolle. Überall, wohin die Eindringlinge kamen, und wo man von ihnenBefreiung hoffte, wurden sogenannte Freiheitsbäume aufgepflanzt, mit der roten Mütze gekröntund vom Volke umtanzt, wobei revolutionäre Lieder erklangen. Mit fieberhafter Hast warfendie Behörden in allen Gegenden, wo die Truppen der Revolution erschienen, die Schrankender Leibeigenschaft nieder.

Aber nicht lange währte es, so kam den „Befreiten" volle Aufklärung über den Cha-rakter ihrer „Befreier". Die Enttäuschung begann in dem noch immer deutschen, aber vonden Banditen der sogenannten Republik unterdrückten Elsaß. Noch bis zum Ausbruche derRevolution war Straßburg eine durchaus deutsche Stadt geblieben; mehr als hundert Jahrefranzösischer Herrschaft hatten den deutschen Geist in ihr nicht zu erdrücken vermocht. In denJahren 1785 —1794 erschienen dort 369 deutsche und nur 136 französische Bücher. Dieallgemeine Umgangssprache war deutsch und das Welsche nur bei Reichen und Vornehmen undbei der Putzsüchtigen Jugend beliebt. Das Bürgerturm schwärmte für Friedrich den Großen.Selbst noch am Ende des Jahrhunderts sang man in einer Straßburger Gesellschaft: „Heildir, Alsatia, und ew'ge Treue, dem Franzmann Haß und Hohn!" Kein Wunder, daß manso dachte, nachdem der blutige Saint-Just, einer der vielen Caracallas, die statt einesTiberius in Frankreich herrschten, in seiner Eigenschaft als Konventskommissär die deutscheSprache vollends aus dem Elsaß zu verbannen gesucht und in Aussicht gestellt hatte, die nichtfranzösisch sprechenden Elsässer in das Innere Frankreichs, statt ihrer aber Vollblutfranzosen anden Rhein zu verpflanzen! . Ein Deutscher, Eulogius Schneider, der sich den Wüterichenzum Werkzeug hingegeben und selbst wie wahnsinnig gemordet hatte, wurde, weil er den Macht-habern gefährlich erschien, dem Fallbeil übergeben. Das Elsaß selbst aber wurde um un-gezählte Millionen beraubt, die Kirchen ausgeräumt und Tausende hingeschlachtet. In Parisjubelten die Jakobiner, daß Saint-Just auf die „deutsche Dummheit" der Elsässer mit Beil-schlägen eingehauen habe!

In der Schweiz, wo die Franzosen im Jahre 1798, von ihren Sprachgenossen im Waat-lande gerufen, einbrachen, um das „von Oligarchen unterdrückte Land" zu befreien, erwies sichdiese „Freiheit" derart, daß die alten Demokraten der Waldstätten sich bewaffnet gegen sieerhoben, bis sie der Übermacht des Feindes und der Verblendung eines Teiles ihrer Landsleuteerlagen. Mit dem geraubten Staatsschätze des reichen Bern wurde der Feldzug Napoleonsnach Ägypten bestricken!

In Deutschland wurden, wo die Franzosen Erfolge erfochten, vorab in dem von ihneneroberten linksrheinischen Lande, die ehrenhaften und gelehrten deutschen Richter entfernt unddurch französische Kreaturen ersetzt, welche nicht einmal deutsch verstanden. Im Sommer 1799schrieb der damals republikanische Görres: „Man hat uns Prokonsuln geschickt, schwache,köpf- und herzlose Menschen, speichelleckende Kreaturen derer, die sie schickten, und die unserspotteten, indem sie uns den Klotz hinwarfen und uns sagten: Das sei euer König! Manhat diese Puppen mit einem Hof umgeben, welcher der Majestät würdig war, die ihn nachihrem Ebenbilde schuf. Die Schranzen spotteten unser, wenn wir gutmütig an ihren Republi-kanismus glaubten, sie lachten unser, indem sie die Dämpfe des Weihrauchs einsogen, den wirunseren Idealen opferten. ... Da sahen wir eine Flut von Menschen, den Abschaum Frank-reichs, über uns Herstürzen: Schwachköpfe, mit Vorurteilen angepfropft, mit ein Paar Sentenzenund hohlen Phrasen gefüllt, übrigens roh wie die Skythen, stumpfsinnig wie die Böotier, ver-worfene Sklaven, die sich bei dem Worte „Minister", „Direktor", dreimal zur Erde warfen undmit der Stirne den Staub aufküßten, Gauner, die dem Volke die Taschen leerten, den Raubvon den Dächern predigten . . ." „Die Freiheit der Franken", sagte derselbe Schriftsteller,„kann nicht jenes reine, hohe Wesen sein, das in nackter Einfalt, ungeschmückt und einfach vorunserem inneren Sinn strahlt. Nein, in Seide und Gazen muß sie sich hüllen, von der Mode desTages aufgeputzt muß sie einhertreten, mit ihren Reizen soll sie spielend wuchern. Die Freiheit desDeutschen hingegen soll eine Madonna sein, mit liebevoller Güte soll sie ihren Segen und nichtsals Segen spenden; nicht Glanz, Tand und Flitter soll sie umstrahlen, nur Liebe aus ihr sprechen;an ihrem Busen sollen ihre Kinder Wohlsein saugen und in ihrer Gabenfülle sich sättigen."