Französisches Schalten über die linksrheinischen Lande. Weimar unter Karl August. Z89
Mit schnellen Schritten eilte das alte Reich, unter den Schlägen einer neuen Zeit, mitder es unvereinbar geworden, die aber dem Lande vorderhand nichts Besseres brachte, seinemunabwendbaren Verhängnis entgegen. Das linke Rheinufer, seit sieben Jahren von denFranzosen erobert, mußte 1801 im Frieden von Luneville endgültig vom deutschen Reichean das französische Konsulatsreich abgetreten werden. Die seit lange Vaterlandslosen und nunvollends eingeschüchterten kleinen deutschen Fürsten wetteiferten in Kriecherei vor dem „erstenKonsul", in dessen Hand ihr Dasein lag, um bei der neuen Verteilung der Gebiete doch auchetwas zu gewinnen. Man versteigerte in Paris die geistlichen Besitzungen und kleinen Reichs-städte rechts vom Rhein an die Meistbietenden unter jenen Fürsten, welche ihr Land linksvon dem vorher deutschen Strome verloren hatten und nun entschädigt werden sollten. Dabeiwurden Bestechung wie Schmeicheleien bei den nicht sehr sauberen Persönlichkeiten, die inFrankreich den größten Einfluß besaßen, angewandt. Der corsische Emporkömmling aber be-nutzte diesen Anlaß, um unter den so tief gesunkenen Deutschen, von denen selbst die ihrengroßen Friedrich vergessenden Preußen keine Ausnahme machten, Zwietracht zu säen. Sokam im Jahre 1803 der „Reichsdeputationshauptschluß" zu stände, der zusammen mit der„Mediationsakte", durch welche die Schweiz schwach und abhängig gemacht wurde, dem Rumpfedes deutschen Reiches für kurze Zeit eine neue Gestalt gab. Als nur noch einziges geistlichesFürstentum blieb das frühere Mainz, und von den Reichsstädten nur noch sechs übrig; dieReichsritterschaften verschwanden ganz. Die Auflösung des Reiches ließ denn auch nicht langeauf sich warten. Der Kosmopolitismus der Deutschen hatte ihnen den schlimmen Streich ge-spielt, daß sie des Patriotismus, wie schon längere Zeit thatsächlich, so nun auch der Formnach entbehren zu können glaubten. —
Dies war der politische Hintergrund der Zeit, in welcher Deutschlands herrlichste Geistes-werke zu Tage traten; er erklärt es, wie unsere Dichterheroen dazu kamen, mit dem begeistertenRufe nach Freiheit zu beginnen und mit dem Verzicht auf ihre Erkämpfung zu enden. ImHinblick auf die Ereignisse und Zustände im westlichen Nachbarlande, wo „der Sklave die Kettebrach", verwarfen die Schöpfer des „Fiesco" und des „Götz" ihre Jugendideale. Ihren neuenStandpunkt der Anlehnung an die monarchische Staatsordnung bezeichnete es, wenn Schillersang: „wo sich die Völker selbst befrei'n, da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n", und wennGoethe einen seiner Helden sagen ließ: „der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein, und für denEdeln giebt's kein höher Glück, als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen."
Diese Verse deuten den Boden an, auf dem Goethe an Stelle der Freiheit die Schönheitzu seiner Göttin erwählte, um ihr in späterem Alter die Weisheit folgen zu lassen. Auf diesemBoden wurde in Weimar, wo durch Herzog Karl August der Zopf zuerst abgeschnittenworden, der Sturm und Drang überwunden; auf ihm sproßte die klassische Blüteperiode derneuen deutschen Litteratur empor und entfaltete sich zu einer Glanzzeit, wie sie in der Ge-schichte des Menschengeistes seit den Triumphen der Schönheit unter dem Athener Perikles nichtihresgleichen hat. Nur unwürdige Schmeichler scharten sich um die prunkenden Mediceer;dunkle Trübsal besiegelte das Geschick eines Tasso am Hofe von Ferrara; hinter den wohl-gedrechselten Reimen eines Calderon und der zündenden Satire des Cervantes flammten dieScheiterhaufen der Inquisition; einsam stand der große „Speerschüttler" inmitten einer rohenZeit, die ihn nicht verstand, und jene Stelzengänger, welche den „Sonnenkönig" von Versaillesals neuen Augustus feierten, sie wahrlich schöpften nicht aus dem Borne des eigenen Volks-tums- Der Tag aber, der in Weimar kurz vor dem neuen Jahrhundert anbrach, jubelte deminnigen Freundschaftbunde zweier ebenbürtigen Geister zu, wie sie so groß sich nie wieder dieHände gereicht haben. Nicht die Gunst eines glänzenden Despoten lächelte ihnen, sondern dieLiebe eines Freundes, welchem das Geschick nur einen kleinen Thron, aber in einem lieblichenLändchen voll grüner Hügel und Wälder, mit rauschenden, zwischen traulichen Gebüschen ver-steckten Flüßchen, und in einem bescheidenen Städchen geschenkt hatte, dem das deutsche Volkindessen mehr zu danken hat, als mancher prunkenden Residenz mit schimmernden Palästen.
Die erste Zeit von Goethes Aufenthalt in Weimar war unfruchtbar gewesen. EinenUmschwung in seinem Leben und Dichten und damit in der Geschichte des deutschen Geistes-