Z90 Sechstes Buch. II. Die klassische Blütezeit des deutschen Geisteslebens.
lebens brachte erst seine Reise nach Italien (1786—1788) hervor. „In Rom", so schrieb er,„habe ich mich selbst gefunden, bin ich zuerst übereinstimmend mit mir selbst, glücklich undvernünftig geworden." Aber nicht nur von ihm gilt dies, sondern von der deutschen Litteraturüberhaupt, welche nicht mehr wie die Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts die Geisteswerkeder Hellenen nur durch römische Nachahmungen kennen lernte: an der Quelle selbst schöpftesie jetzt und das Gewonnene übertrug sie nicht nur in die Muttersprache, sondern auch in denGeist des Vaterlandes. Was Gluck, Lessing und Winckelmann angebahnt, aber noch nicht durch-gearbeitet hatten, das" führten Goethe und Schiller in das Leben und Streben des ganzenVolkes ein; was Klopstock, Voß und andere Dichter in der Form begonnen, das vollendetenjene im Geiste. Das ewig junge Hellas, nicht mehr durch die Römer vermittelt, wenn auch inseinen einst nach Rom gebrachten Schätzen angeschaut, verjüngte sich, nicht durch Nachahmung,sondern durch sein unmittelbares Beispiel auf deutschem Boden. Die Antike war nicht dasaktive Element mehr, wie in den Zeiten der Nachahmung, sondern ein passives, welches derdeutsche Geist nach seiner Art modelte und in klassischer, d. h. von Tendenz freier, mit Schön-heit, Würde, Ruhe und Gleichmaß gesättigter Weise verwendete.
Das erste Werk, welches Goethe in seiner klassischen Periode vollendete, war der noch inder Zeit des Sturmes und Dranges entworfene und dieselbe noch nicht verleugnende „Egmont",welcher sich zu seinen Jugendwerken genau so verhält, wie der gleichzeitig vollendete „DonCarlos" zu denen Schillers. Beide Werke wurzeln noch in der revolutionären Atmosphäredes „Götz" und der „Räuber", aber bezeichnenderweise in einer Revolution, welche feste undknlturfördernde Zustände zur Folge hatte: in der niederländischen. Diese Dramen sind wie diebeiden Seiten einer Medaille, welche die Erhebung der Niederländer, dort am Herde des Auf-standes selbst, hier an dem durch ihn bedrohten Hofe, zur Darstellung bringt. Nicht mehrstürmisch ist ihre Durchführung, sondern vielmehr maßvoll fortschreitend.
Aber auch im Stoffe ist vom Sturm und Drang vollständig losgelöst, was nun folgt.Von den zwei ersten rein klassischen Dramen Goethes wurzelt „Jphigenia" im Altertum selbstund „Tasso" in der Renaissance; jenes in den Erinnerungen an den Azurhimmel des klassischenSüdens, dieses in den Eindrücken des Hoflebens, in welchem der Dichter mit den „zwei Seelenin seiner Brust" eine so hervorragende Rolle spielte. In der Handlung läßt „Jphigenia"ebensoviel zu wünschen .übrig, wie „Tasso" in den Charakteren; beiden aber ist der Vorzugeigen, daß sie der Antike mit feinem Gefühl nur das wirklich Große und Schöne entnehmen,ihre Formen indes dem Geiste der Zeit und des Landes opfern, in welchem sie entstandensind. Nicht nur Versmaß, Einteilung und Anordnung sind modern; noch weit bedeutsamer ist,daß der sittliche Wert des Menschen an die Stelle des blind waltenden Schicksals getreten ist.
Nachdem Goethe auch die „römische Elegie" ins Deutsche übergeführt, unternahm er daskühne Werk, deutschen Stoff in klassischem Geiste zu formen. In weiten Zwischenräumen ent-stand, in manchen Stellen noch Sturm und Drang verratend, der erste Teil des „Faust",der größten Schöpfung des deutschen Schrifttums. Ihrem Stoffe nach in der Zeit der Ab-wendung des deutschen Geistes von der mittelalterlichen Unterwürfigkeit unter die geistlicheAutorität spielend, umfaßt diese Titanenarbeit das deutsche Leben, Lieben und Denken inunerreichter Farbenfülle und Großartigkeit. In keinem Werke seit Dante und Milton ist derKampf des Guten und des Bösen um die Menschenseele und die Sühne der Schuld eines nichtdurch Wahrheit und Sitte geregelten, vermessenen Strebens so erschütternd gemalt worden wiein diesem. Keine Dichtung in der ganzen Litteraturgeschichte des Mittelalters und der Neuzeitist zugleich so universell und so national wie der „Faust", der nicht nur die höchsten Problemeder Philosophie, sondern auch die Kulturgeschichte der Reformationszeit zum Gedicht erhebt.
Noch war der erste oder vielmehr der klassische Teil des „Faust", dessen romantische Fort-setzung einer anderen Periode angehört, nicht vollständig, aber doch in seinen vorzüglichstenTeilen erschienen, als die ohnegleichen dastehende Freundschaft und Zusammenwirkung unsererbeiden größten Dichter ihren Anfang nahm. Schiller kam, zwei Jahre nach dem Erscheinendes „Don Carlos", im Jahre des Ausbruchs der französischen Revolution als Professor derGeschichte an die Universität Jena; nun wurde die Geschichte auch seine Lehrmeisterin. Unter